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Anders als daheim

In Europa beklagt man sich über die Wegwerfgesellschaft. Nichts mehr wird repariert, so der allgemeine Tenor. Beim Radiowecker passt die Verbindung zum iPhone nicht mehr – weg damit. Der Haartrockner gibt den Geist auf – nix aufschrauben, ab in den Müll. Die Küchenmaschine knetet und rührt nicht mehr, sondern brummt nur unwillig – wegschmeißen. Das Auto zieht sich bei einer kleinen Unstimmigkeit über den Wiener Straßenverlauf einen Achsschaden zu – mit den hiesigen Reparaturkosten bedeutet das Totalschaden und Verkauf in Richtung Osteuropa oder gleich Afrika.

In Thailand wird offensichtlich noch repariert. Das hätten wir uns zwar denken können, denn die Lohnkosten sind niedrig, die Arbeitskräfte vorhanden und der Wille zu Reparatur auch. Trotzdem war ein ungeplanter Lokalaugenschein überzeugender als alle theoretischen Überlegungen.

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Zwischen Tempeln und Restaurants: 50.000 Mechaniker

Thailand ist ein fantastisches Land für lukullische Genüsse. Als Vegetarier prägt man sich am besten gleich anfangs den schönen Satz "Chan mai gin nuuuua-sat" ein, was so viel heißt wie "Ich esse kein Fleisch". Mit Händen und Füßen muss man dann noch erklären, dass auch Fisch, Schalentiere, Meeresfrüchte, Krabben, Schnecken unter "Fleisch" fallen. Aber schließlich bekommt man Köstlichkeiten vorgesetzt und verbringt die Tage mit den Programmpunkten Schlafen, Essen, Baden, Essen, Sonnenbaden, Essen und wieder von vorn, ab und zu sieht man sich noch einen Tempel an.

Als Hauptstadt ist Bangkok noch essensfixierter als der Rest des Landes. Gut gesättigt drehen wir spontan einer touristischen Tempelattraktion den Rücken und biegen gegen den Strom der Touristen links ab. Fünf Straßen weiter sind wir in der größten Open-Air-Autowerkstatt, die ich je sehen durfte.

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Häuserhoch stapeln sich Achsen, Getriebe, Motorblöcke, ganze Karosserien und Unmengen an mechanischen Kleinteilen. Einiges ist rostig, aber das Klima ist ja auch heiß und feucht. Ab und zu haben wir den Eindruck, dass sich einzelne Straßenzüge tatsächlich unterschiedlichen Wehwehchen im motorisierten Bereich verschrieben haben dürften. So gibt es kleine Straßen, in denen vor jedem Haus ein paar Dutzend Achsen in unterschiedlichen Größen liegen – Strategieberater würden wohl von einem "Cluster mit kleinteiliger örtlicher Diversifizierung" sprechen.

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Die Mechanikerstraßen liegen übrigens wirklich nur einen kurzen Gehweg von den touristischen Hauptattraktionen entfernt. Auf Wien umgelegt wäre es wohl das Gebiet zwischen Bermuda-Dreieck und Börse, in dem man bei uns eine einzige Tankstelle und weit und breit keinen Mechaniker findet.

Die Gegend hat nicht nur Lagerfunktion, sondern es wird auch fleißig geschraubt, gefeilt und poliert. Geschweißt wurde nicht, aber wir waren zugegebenermaßen in der Mittagszeit unterwegs. Neugierig beuge ich mich über einen besonders interessanten Haufen Teile, aber leider fehlt es mir an den Sprachkenntnissen, um mit dem freundlichen Thailänder zu diskutieren, was hier als nächstes passieren wird.

"Apropos Mittag", sagt der schwedische Liebste, "wollen wir nicht etwas essen gehen?" In diesem Fall siegt tatsächlich die Liebe zum Essen über die Liebe zu den Autos.

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Carmen Bischof ist gebürtige Murauerin ("die Stadt mit dem besten Bier", betont sie!), beruflich und privat gerne auf Reisen, beruflich in Sachen Vertriebssteuerung für die Senzor Industries AB aus Schweden unterwegs und privat auf der Suche nach schönen Orten, gutem Bier und lässigen Aktivitäten.

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