Jennie Garth und Tori Spelling anno 1993 in "Beverly Hills 90210" Foto: Everett Collection/picturedesk.com

Nonfarben, Bauchtaschen, Plateauschuhe, Crop Tops und große Logoprints in den Schaufenstern. Eurodance in den Clubs, Spice Girls, Backstreet Boys, Kelly Family und Blümchen in den Konzertsälen. Friends, Beverly Hills 90210, Twin Peaks und Baywatch im Fernsehen.

Nein, wir haben nicht Mitte der Neunziger - sondern 2019. Ein Jahr, in dem das popkulturelle Revival einer Ära, die jahrzehntelang verpönt war, seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Schon seit mehreren Saisonen beobachtet der aufmerksame Modefreund - je nach persönlicher Prädisposition mit wachsender Unruhe oder Nostalgie -, wie Sneaker immer klobiger, die Tops immer kürzer und die Farben immer greller werden. Wer stolz war, die 1990er ohne Plateauschuhe überstanden zu haben, wird nun erneut in Versuchung geführt.

Pop, Party, positives Denken

Aber wie kann es sein, dass ein Stil, der lange Zeit bestenfalls ironisch als solcher bezeichnet wurde, jetzt durch die rosarote Retrobrille gesehen wird? Die Theorie des "Nostalgie-Kreislaufs" liefert eine einfache Erklärung für das erfolgreiche Comeback der 90er: Demnach soll sich die kollektive Nostalgie jeweils auf jenes Jahrzehnt konzentrieren, das etwa 20 bis 30 Jahre zurückliegt. Die 90er würden retrospektiv mit einem Gefühl der Sorglosigkeit, der Euphorie und der Aufbruchstimmung sowie nicht zuletzt einer ausschweifenden Partykulitur assoziiert, meinen Kulturforscher - eigentlich verständlich, dass sich viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene der 90er fast zwei Jahrzehnte nach dem infolge von 9/11 ausgerufenen "Ende der Spaßgesellschaft" ebendiese wieder ein Stück weit vergegenwärtigen möchten.

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Die Sehnsucht nach der Leichtigkeit der 90er-Jahre macht sich breit Foto: Massonstock/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Ravermode im Remix

Der postulierte 20-Jahres-Zyklus gilt natürlich auch in Sachen Fashion. Während das Revival der 90s-Popkultur für die Generation Ü35 überwiegend von nostalgischen Gefühlen begleitet wird, fällt auf, dass die Ästhetik dieser Ära insbesondere bei viel jüngeren Konsumentinnen Anklang findet. Sie haben das stilstiftende Jahrzehnt - wenn überhaupt - nur im Mutterleib oder in den orthopädischen Kinderschuhen miterlebt. Für sie sind Plateausohlen und Jeans-Latzhosen (noch) nicht mit Erinnerungen an modische Fehltritte verknüpft. Diese Vorbehaltlosigkeit ermöglicht die Neuinterpretation von Stilelementen, die zwar bereits in den 90ern populär gewesen sind, im Zuge ihrer Wiederbelebung aber auch weiterentwickelt werden - wie der Soundcloud-Remix einer Bravo-Hits-CD. Immerhin braucht jede Generation einen eigenen Stil, auf den sie in 20 bis 30 Jahren mit bittersüßer Nostalgie zurückblicken kann.

History Repeating

Und was lernen wir daraus? Vor allen, dass man es sich lieber zwei Mal überlegen sollte, ob man ein Kleidungsstück weggibt oder lieber doch bis zum nächsten Revival aufhebt. Und dass der 90er-Trend vorübergehen - und irgendwann zumindest in Versatzstücken wiederkommen wird.

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