Kann man aus einer Couchpotato einen Outdoor-Freak machen? Foto: jacoblund/iStock/Thinkstock

"Der wird sich nie ändern, glaub mir", sagt die beste Freundin, wenn man ihr von seinen neusten Beziehungstroubles erzählt. Egal, ob er unordentlich ist, keinen Ehrgeiz hat oder jeden Cent dreimal umdreht, bevor er ihn ausgibt – die beste Freundin ist überzeugt davon, dass sich dieser Mann niemals ändern wird. Immerhin entspringen diese Verhaltensweisen ja seinem Charakter, der schon in der Kindheit festgelegt wurde. Da kann nicht einmal die Liebe mehr etwas daran ändern. Man selbst mag daran nicht so recht glauben, zu groß ist die Hoffnung, dass der Partner nur auf einen selbst treffen musste, um sein Leben von nun an komplett neu auszurichten und sich grundlegend ändern wird. Doch kann aus einem leichtlebigen Herzensbrecher wirklich ein treuer Familienvater werden, oder gibt man sich da einer Illusion hin?

Genetisch bedingt

Nicht erst in der Kindheit wird unser Charakter geprägt, einen großen Teil unserer Persönlichkeit legen auch unsere Gene fest. So ergaben Studien, dass bei Erwachsenen bis zu 80 % die Gene bestimmen, wie intelligent man ist. Und auch Dinge wie Selbstkontrolle, Schüchternheit oder Gelassenheit werden mehr von den Genen bestimmt, als man glauben könnte.

Erziehung

Gemeinhin nimmt man an, dass eine gute Kinderstube das A und O sei. Hier erklärt es sich nun aber, wieso die Gene eine so große Rolle spielen: Denn auch wenn die Eltern dem Kind gerne vermehrte Selbstkontrolle oder Disziplin beibringen möchten, beißen sie sich daran die Zähne aus, wenn der Sprössling einfach keine genetische Veranlagung dafür mitbringt. Kann man sich folglich einfach mit seiner Biologie rausreden, wenn man mal wieder die ganze Tafel Schokolade aufgegessen hat oder die Fenster mal wieder so schmutzig sind, dass es in der Wohnung trotz Frühlingssonne wirkt, als wäre es trister Herbst? Nein, so einfach ist es nicht. Die Gene haben zwar ein entschiedenes Wörtchen mitzureden und können auch die Weichen legen und festlegen, in welchen Bereichen wir besondere Begabungen und Talente haben – diese herauszuarbeiten und weiterzuentwickeln ist aber dennoch Aufgabe der Erziehung.

Erste Lebensjahre sind entscheidend

Am meisten beeinflussen uns Menschen die ersten Lebensjahre – genau die Zeit also, an die wir uns kaum mehr aktiv erinnern können. Und so wissen wir als Erwachsene im Grunde eigentlich selbst nicht, was unseren Charakter wirklich bestimmte und ausmachte. Der Charakter bildet sich früh und verfestigt sich auch rasch, bereits im Alter von zehn bis zwölf Jahren kommt es dazu.  Auch wenn es in der Pubertät oft so wirkt, als würde aus dem lieben Kind nun ein völlig anderer Mensch werden, ist der Einfluss auf die Charakterbildung da bereits eher gering.

Um zu begreifen, wie sich der menschliche Charakter bildet, darf man kein Element isoliert betrachten: Die Gene bestimmen, wie wir mit bestimmten Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen, umgehen. Und je nachdem wie die Umwelt reagiert, verstärken wir ein Verhalten, das unsere Gene uns ermöglichen, immer dann, wenn die Reaktion darauf positiv war. Loben uns unsere Eltern also stets, wenn wir in der Schule fleißig waren, lernen wir aus der guten Erfahrung und werden auch in Zukunft eher versuchen, aufmerksam dem Unterricht zu folgen.

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Nicht immer machen uns die Gene zu fleißigen Schülern Foto: moodboard/moodboard/Thinkstock

Neuronale Plastizität

Die Gene legen fest, zu welchen Dingen wir überhaupt in der Lage sind und mit welchen Voraussetzungen wir ins Leben starten, die ersten Lebensjahre sind die prägendsten und mit zwölf hat sich unsere Charakter schon verfestigt – werden wir so also unweigerlich für den Rest unseres Lebens bleiben? Hoffentlich nicht, denn auch wenn in diesem Alter eine großzügige Mutter den Haushalt vielleicht noch ganz alleine schmeißt, wird man irgendwann erwachsen werden und muss sich von nun an selbst darum kümmern, dass die Küche frei von Schimmelsporen bleibt.

Zum Glück ist unser Gehirn auch im Alter fähig, sich auf Neues einzustellen. Neuronale Plastizität nennen das die Wissenschaftler – die Ausrede, in der Pension keine neue Fremdsprache mehr zu lernen ist somit passé! Machen wir neue Erfahrungen, verschalten sich unsere Nervenzellen auf eine neue Art und Weise und haben Einfluss auf unser zukünftiges Verhalten.  Es ist also durchaus möglich, seinen Charakter – oder sagen wir lieber Teile davon – auch im Alter zu ändern. Doch das ist ein hartes Stück Arbeit und freiwillig tun sich das nur die wenigsten an.

Liebe und Schmerz

Der Mensch verlässt nicht gerne seine Komfortzone. Solange alles passt und einen nichts zwingt, wird man sich auch nicht ändern. Das wäre ja vergeudete Energie. Doch wie oft hat man schon von Menschen gehört, die nach einem schweren Schicksalsschlag ihr Leben komplett neu ausgerichtet haben? Bei denen nach einer plötzlichen Herzattacke plötzlich nicht mehr Macht und Gier den Alltag bestimmten, sondern Entschleunigung und Achtsamkeit wichtiger wurden? Es sind genau diese schweren Momente im Leben, die einen dazu bringen, sich über bestimmte Verhaltensweisen grundlegende Gedanken zu machen und bestimmte Dinge zu ändern.

Doch auch die Erfahrung einer tiefen Liebesbeziehung kann einen Menschen ändern. Vielleicht wird aus dem schwarzsehenden Zyniker, der überzeugt ist, dass die Menschheit kurz vor dem Abgrund steht, nicht ein regenbogenmalender Lebemensch, doch wahre Liebe kann auch bei so einem Menschen eine zarte, verletzliche Seite hervorkitzeln. Beziehungen zu anderen Menschen lassen uns immer reifen und haben Einfluss auf unseren Charakter – unabhängig davon, ob die Erlebnisse positiver oder negativer Art waren.

Motivation

Es ist also tatsächlich möglich, bestimme Wesensmerkmale seiner Persönlichkeit auch noch als Erwachsener zu ändern. Hatte die beste Freundin also vielleicht unrecht, und der Partner wird sich doch noch ändern – der Liebe wegen? Tja, diese Frage ist leider nicht pauschal zu beantworten. Wer seinem Partner bestimmte Verhaltensweisen ständig vorwirft, wird das Gegenteil bewirken, da Menschen auf einen Angriff meist mit Gegenwehr reagieren. Soll man nun also aufgeben und seinen Partner so nehmen, wie er ist? Ganz und gar nicht, denn das wäre der sichere Weg, dass die Beziehung Schiffbruch erleiden wird.

Der Schlüssel liegt in der Art und Weise, wie man kommuniziert: Schalten Menschen bei Angriffen auf Gegenwehr, bewirkt Motivation das genaue Gegenteil: Man will mehr davon. Ein aufrichtiges Lob zur rechten Zeit kann also weit mehr bewirken, als ein Streit, bei dem die Teller fliegen. Man hat danach zwar keinen Grund, endlich dieses blumengemusterte Geschirr zu kaufen, das man schon ewig wollte, aber vielleicht erhält man dafür ja den Partner, den man sich wünscht.

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Die Karotte bewirkt mehr als die Peitsche Foto: hardeko/iStock/Thinkstock

Üben, üben, üben

Doch so schnell ändert man keinen Menschen und jeder weiß, wie schwer es sein kann, neue Verhaltensweisen zu etablieren. Das Rauchen aufgeben, gesünder essen, mehr Sport, sich weniger stressen lassen und die Dinge gelassener sehen – all das klingt verlockend, ist in der Umsetzung aber leider nicht so einfach. So geht es auch in einer Beziehung nicht von heute auf morgen, aus dem geizigen Chaoten wird nicht über Nacht ein großzügiger Ordnungsfreak, der dreimal wöchentlich eine Putzfrau bestellt. Will man wirklich an einem seiner Charakterzüge arbeiten, muss man dafür sehr viel Motivation und Durchhaltevermögen mitbringen – egal, ob man sich nun der Liebe wegen oder einfach sich selbst zuliebe ändern möchte.