Peinlich, peinlich … Manchmal möchte man lieber nicht erkannt werden Foto: Hramovnick/iStock/Thinkstock

Der Redner steht am Pult, lacht und der Spinat zwischen seinen Zähnen freut sich über das Rampenlicht – oh Gott wie peinlich! Wer da in der ersten Reihe sitzt, kann gar nicht anders, als sich fremdzuschämen … Aber wieso eigentlich? Unsere eigenen Zähne sind ja (kurzer Check im Spiegel) blitzeblank.

Normverletzung: Die Voraussetzung für Scham

Schämen können wir Menschen uns schon lange, fremdschämen offiziell erst seit 2009, da wurde das Wort nämlich in den Duden aufgenommen. Ist fremdschämen also ein neues Phänomen? Nein, eigentlich nicht, nur ist es in Zeiten von Social Media noch viel einfacher geworden, sich ordentlich die Blöße zu geben.

Die Voraussetzung für Scham, auch für die eigene, ist eine Normverletzung. Nur wenn ich weiß, dass ich etwas gemacht habe, dass sich nicht gehört und das gegen gesellschaftliche Werte verstößt, kann ich auch Scham empfinden. Scham ist eine soziale Emotion und muss erst einmal erlernt werden. Kleinen Kinder sagt dieses Gefühl noch nichts, weswegen sie sich auch ganz ungeniert in die Windeln machen können.

Empathie fürs Fremdschämen

Damit man sich aber für jemand anderen schämen kann, braucht es Empathie. Und ja, genau deswegen schämen sich Frauen schneller für jemand anderen als Männer. Wissenschaftlich erwiesen!

Was uns peinlich ist, ist individuell und situationsbedingt verschieden: Der Popel in der Nase eines anderen wird uns meistens irritieren und das Gefühl von Scham hervorbringen. Die etwas zu laute Bekannte hingegen finden wir an guten Tagen eigentlich ganz lustig, an anderen möchten wir lieber nicht mit ihr gesehen werden.

Spiegelneuronen und stellvertretendes Schämen

Spiegelneuronen sind der Schlüssel zur Fremdscham. Studien konnten zeigen, dass das bloße Beobachten von jemanden, der gerade in einer peinlichen Situation feststeckt, in unserem Hirn die gleichen Areale anspringen lässt, als wenn wir selbst in der Situation wären. Dafür ist es aber nötig, dass der andere sich auch selbst darüber bewusst ist, dass er sich gerade die Blöße gibt.

Ist dem nicht der Fall, können wir uns natürlich trotzdem fremdschämen. Nur spiegeln wir jetzt eben nicht die Scham des anderen, sondern schämen uns an seiner statt – dafür vielleicht manchmal auch doppelt so stark.
Also noch einmal anschaulich am Spinat erklärt: Ob der jetzt zwischen den Zähnen des Redners oder zwischen meinen eigenen steckt, ist meinem Hirn herzlich egal. Es schämt sich.  

Für Freunde schämen wir uns mehr

Je näher wir einer Person stehen, desto mehr schämen wir uns für sie. So ist es ein Unterschied, ob wir uns abends vor dem Fernseher bei der Castingshow für den stimmbrüchigen Kandidaten, der inbrünstig „Killing me Softly“ winselt, schämen, oder ob eines unserer Elternteile sich mal wieder komplett (ja aber schon wirklich komplett, Kinder übertreiben da nie!) daneben benommen hat. Das liegt laut Forschern daran, dass wir unseren Bekannten mehr Mitgefühl entgegenbringen, als peinlichen TV-Kandidaten. 

Fremdschämen oder Schadenfreude?

Diese beiden Gefühle sind eng miteinander verwandt, die Übergänge können fließend sein. Doch Schadenfreude kommt ohne Empahtie und Identifikation aus. Voraussetzung ist jedoch bei beiden Gefühlen, dass man eine Normverletzung als solche erkennt (man stolpert nun mal nicht über die Türschwelle, knallt der Länge nach hin, bremst mit der Nase und kommt erst vor den Füßen des Chefs zum Stillstand). Aber unsere Reaktion darauf kann eine völlig andere sein: Mit der sympathischen Dame vom Empfang leiden wir mit, die arrogante Zicke vom Marketing hat’s nicht anders verdient. Ha! Geschieht ihr ganz recht!

Allen frustrierten Eltern, die es ihren pubertierenden Kindern eh nie recht machen können und einfach immer nur furchtbar peinlich sind, zum Trost: Ihr Kind empfindet Ihnen gegenüber also Empathie, Identifikation und Mitgefühl. Das ist ja mal was. 

 

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