Innige Umarmung statt heiße Liebe: Für immer mehr Paare Realität Foto: LightFieldStudios/iStock/Thinkstock

Ob heiße Affäre oder schnelle Nummer in der Mittagspause: Sex ist per App zum Kinderspiel geworden. Lovoo, Tinder, Grindr und Co. machen das frohe Treiben jederzeit möglich. Aber trotz Tinder turteln Teenager heute weniger als frühere Generationen. Das neue Objekt der Begierde: das Smartphone. Bis zu drei Stunden verbringen junge Menschen täglich mit WhatsApp, Facebook, Instagram und Co. Einer aktuellen Studie zufolge würden sie eher auf Sex als auf ihren ständigen Begleiter verzichten. Millennials haben folglich um 10 Prozent weniger Sex als die Generation zuvor (1960–1980).

Libido am Gefrierpunkt

"Netflix and Chill" ist der Code der Stunde für ein Sexdate. Ob es dabei tatsächlich zum Techtelmechtel kommt, ist allerdings fraglich: Gechillt ist aktuell nämlich in erster Linie unsere abgekühlte Libido. Diese scheint generationenübergreifend nahe dem Gefrierpunkt angelangt zu sein. Eine Studie hat 2018 das Sexverhalten in 80 Ländern unter die Lupe genommen. Die Schlussfolgerung: Wer einen Fernseher hat, hat um circa zwei Prozent weniger Sex. Das ist statistisch betrachtet ganz schön viel. Früher hatte das Fernsehen ab 22.30 Uhr wortwörtlich Sendepause, und wir waren gezwungen, uns anderwärtig zu beschäftigen. David Spiegelhalter, Professor und Statistiker an der University of Cambridge, gibt Netflix deshalb sogar die Schuld am baldigen Tod unseres Sexuallebens. Statt sich fleischlichen Freuden hinzugeben, würden sich Pärchen lieber gemeinsam eine Serienfolge nach der anderen reinziehen.

Apps turnen ab

Dass uns das immer größere Unterhaltungsangebot die Sexbereitschaft nimmt, meint auch Psychologin Jean Twenge. Einen weiteren Grund sieht sie in den eingangs erwähnten Dating-Apps. Was wie ein Widerspruch klingt, ergibt aber durchaus Sinn: Gerade die dauernde Verfügbarkeit würde viele Intimitätssuchende abschrecken, meint Twenge. Und sind wir erst in einer Partnerschaft, würden wir uns, statt mit dem Partner zu kommunizieren, lieber mit dem Smartphone beschäftigen.

Lustkiller Porno

Und auch Pornos tragen ihren Teil dazu bei. Zum einen haben sie Einfluss darauf, was wir im Bett – oder andernorts – miteinander machen. Praktiken aus einschlägigen Filmen und Sexpielzeug kommt eine tragende Rolle zu. Sogar wenn man noch nicht vertraut miteinander ist, und das erste Mal mit einem neuen Partner intim wird. Problematisch sind Pornos vor allem für Kinder und Jugendliche. Bei ihnen entsteht ein falscher Eindruck, der sich auf die eigene Sexualität und das Selbstwertgefühl auswirken kann. Vorgesetzt bekommen sie ein Bild, dem sie gar nicht entsprechen können. Für einige ist das so verstörend, dass sie dieses Feld lieber nicht betreten, anstatt sich zu blamieren. Sexfilme wirken sich aber auch auf die Häufigkeit aus, mit der wir Erwachsene zur Sache gehen. "Der Pornokonsum reduziert eindeutig das Verlangen, mit einem Partner aktiv zu werden", bestätigt Sextherapeut Ian Kerner.

Nie wieder Sex

Ursachenunabhängig kommen alle einschlägigen Studien zum gleichen Schluss: Wir haben immer weniger Sex. Gingen die Menschen in Großbritannien 1999 im Schnitt fünf Mal im Monat zur Sache, waren es 2000 nur noch vier Mal und 2010 drei Mal. Das ist immerhin ein Rückgang von 40 Prozent in nur 20 Jahren. Spiegelhalter kommt zu einer düsteren Prognose: "Wir werden bis 2030 so weit entsexualisiert sein, dass wir dann mit großer Wahrscheinlichkeit gar keinen Sex mehr in Partnerschaften haben werden."

Der Storch macht schlapp

In Japan sorgt das für echte Probleme. Für fast die Hälfte aller Ehepaare spielt Sex keine Rolle. Darin sind sich Männer (47,3 Prozent) und Frauen (47,1 Prozent) einig. Während Männer angeben, durch ihren Job zu erschöpft zu sein, empfinden Frauen Sex vor allem als lästig und bedrängend. Erhoben wurden die Zahlen von der regierungsnahen Japan Family Planning Association. Diese hat ein vitales Interesse am partnerschaftlichen Matratzensport – immerhin kämpft Japan seit Jahrzehnten mit Geburtenrückgängen.

Das Pandasyndrom

Sei es aus Stress oder allgemeiner Lustlosigkeit: In unseren Breiten nimmt etwas zu, das Experten als Pandasyndrom kennen. Pandas kuscheln, suchen die Nähe des anderen, lieben sich. Nur eines tun sie mit äußerster Zurückhaltung: Sex haben. Maximal einmal im Jahr treiben es die gemütlichen Gesellen. Auch beim Menschen hält dieses Verhalten vermehrt Einzug. Kuscheln, gemeinsam vorm "Tatort" dösen und Fertigpizza futtern: Für immer mehr Paare wird Sex zur nebensächlichsten Nebensache. Studien zufolge können sich 20 Prozent ein solch sexloses Arrangement vorstellen.

Öfter ist nicht besser

Fakt ist aber, dass Sex für die Stabilität von Beziehungen und das Wohlbefinden essenziell ist. Wahr ist aber auch: Ein Forscherteam rund um die kanadische Sexualwissenschaftlerin Amy Muise fand heraus, dass mehr Sex nicht automatisch zu glücklicheren Partnerschaften führt. Ausgewertet wurden die Daten von 30.000 Studienteilnehmern. "Regelmäßiger Geschlechtsverkehr macht glücklich, aber es liegen keine Daten vor, die bestätigen, dass häufiger als einmal in der Woche noch zufriedener macht", sagt Muise. Das Erfolgsrezept für Liebe und Erotik ist immer individuell. Der Schlüssel ist Intimität zum Partner.

Wussten Sie, dass ...?

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  • 7 von 10 ÖsterreicherInnen beim Sex an eine andere Person denken?
  • Sex nach den ersten drei Beziehungsjahren schlechter und seltener wird -
  • aber nur 8 Prozent deswegen ihren Partner/ihre Partnerin verlassen würden?
  • Millennials eher auf Sex als auf ihr Smartphone verzichten würden?
  • mehr als 90 Prozent der ÖsterreicherInnen zwischen 18 und 50 hin und wieder masturbieren?