Klatsch stärkt soziale Beziehungen Foto: dolgachov/iStock/Thinkstock

Zwei Freundinnen, die gemütlich durch die Straßen bummeln … Plötzlich treffen sie unerwartet auf eine gemeinsame Bekannte – natürlich tauscht man da einige Höflichkeiten aus, erkundigt sich nach dem werten Befinden und gibt sich möglichst interessiert wirkend den Schilderungen der klotechnischen Fortschritte des kleinen Sohnemanns – sprich, er kann jetzt schon allein aufs Töpfchen gehen – hin. Nach kurzem Plausch trennen sich die Wege, und während die Gedanken der stolzen Mama noch immer bei ihrem Prachtkerl von Sohn verweilen, beginnt bei den beiden Freundinnen das Getuschel: "Also dafür, dass der Kleine schon aufs Töpfchen geht, hat sie aber noch verdammt viele Schwangerschaftskilos auf den Rippen", geifert die eine. "Und der Blick, hast du gesehen? Also total fertig sah die aus", bekräftigte die andere. Ein kurzer Blick zwischen den beiden Freundinnen reicht aus, um zu wissen: Man ist sich einig!

Müssten die beiden nun ein schlechtes Gewissen haben, so schamlos hinter dem Rücken der anderen zu tratschen? Die Soziologie sagt: Nicht unbedingt, denn gemeinsames Lästern ist nicht immer verwerflich, sondern erfüllt auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion.

Ein Drittel Klatsch

Über was reden Menschen eigentlich? Über Politik, Essen, Literatur, Autos – und zu einem guten Teil über andere Menschen. Der Psychologe Robin Dunbar fand bereits in den 90ern heraus, dass 40 % der menschlichen Kommunikation einem gediegenen Klatsch vorbehalten sind. Egal, ob man die Kommunikation junger Frauen oder älterer Herren belauscht, Tratschen scheint ein zutiefst menschliches Bedürfnis zu sein. Doch was reizt uns alle so daran, die Frisur und Figur eines anderen zu kommentieren? Ganz einfach: Klatsch ist nicht nur verwerfliches Lästern, sondern erfüllt in einer Gesellschaft wichtige Funktionen, die uns dabei helfen, Orientierung und Zusammenhalt zu finden.

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Getratscht wird überall – besonders gerne auch im Büro Foto: lolostock/iStock/Thinkstock

1. Soziale Kontrolle

Lästern für den Zusammenhalt der Gesellschaft? Früher hatte Klatsch wirklich eine regelnde Funktion inne, heutzutage, wo es nicht mehr nur eine gültige Moralvorstellung gibt, hat auch der Klatsch für die soziale Regelgebung etwas an Bedeutung verloren. Allerdings kann Tratsch auch heutzutage, besonders in kleineren Gruppen oder Gesellschaften, deren Mitglieder auf bestehende Regeln aufmerksam machen. Denn wird über jemanden getratscht, zeigt sich, welche Normen und gesellschaftlichen Regeln er verletzt hat, denn nur so wird man überhaupt zum Gesprächsthema. Der eine kann dabei im Grunde ruhig wissen, das über ihn gelästert wird – und dann alsbald wieder den rechten Pfad beschreiten.

Heutzutage wird sich durch das Gerede anderer hoffentlich niemand mehr sein Leben umkrempeln lassen, doch durch das Lästern über andere erfährt jeder Einzelne für sich selbst, an welchen Werten er sich im Grunde orientieren möchte und welche Fehler er lieber vermeiden würde. So hilft das Tratschen im Grunde auch dabei, seinen inneren Kompass auszurichten.

2. Wunsch nach Authentizität

In den Zeiten von Web 2.0 ist alles Schein – den Menschen interessiert aber nach wie vor für das Sein. Jeder versucht, sich stets von seiner Schokoladenseite zu präsentieren, sei es online oder im realen Leben. Im Klatsch blicken wir hinter die perfekt wirkende Fassade, graben die gut getarnten und versteckten Verletzlichkeiten und Schwachstellen des anderen aus und erkennen: Auch die anderen Menschen sind nicht perfekt. Beruhigt von dieser Erkenntnis schmeckt der (natürlich heimlich) genaschte Schokoriegel gleich doppelt so gut.

3. Freundschaft

Was macht man beim Tuscheln? Na klar, man steckt die Köpfe zusammen. Dieses "Ich weiß da was, und ich lass dich daran teilhaben" erzeugt Nähe, sowohl Verkünder als auch neugieriger Empfänger des neusten Klatsches fühlen sich in diesem kurzen Moment der emsigen Schnatterei als etwas Besonderes. Und sind dann beide auch noch einer Meinung, ist das Glück perfekt, denn so wird etwas Verbindendes geschaffen. Soziologen gehen sogar so weit zu sagen, dass ohne Klatsch Freundschaften gar nicht möglich wären, da durch das gemeinsame Tratschen ständig wieder eine gewisse Intimität produziert wird, die die Bindung stärkt. 

4. Soziale Kompetenz

Doch nicht nur auf eine einzelne Person bezogen ist Klatschen wichtig für die zwischenmenschlichen Beziehungen, auch im größeren Rahmen zeigt sich, dass Tratschtanten (und Onkel) über mehr soziale Kontakte verfügen als Menschen, die versuchen, bewusst auf Tratsch zu verzichten. Diese sind nämlich vermehrt eigenbrötlerische Einzelgänger – und so nicht selten selbst Gegenstand des Geredes.

Auch die Qualität der sozialen Kompetenz kann durch das Tratschen verbessert werden, denn nur wer Information, die auch für andere interessant sind, weitergibt und es mit dem Tratschen nicht übertreibt, nur um sich selbst als besser darzustellen als er eigentlich ist, kann durch den Klatsch seine sozialen Beziehungen stärken.

5. Promiklatsch

Am liebsten tratscht man über Nachbarn, Arbeitskollegen, gemeinsame Freunde und natürlich – Promis! Doch was interessiert die blonde Birgit, ihres Zeichens leitende Angestellte und zweifache Mutter, sosehr am Leben einer Meghan Markle? Ganz einfach: Der Klatsch über Eheprobleme, Gewichtsschwankungen und die schlechte Kleiderwahl bringt die so unnahbar wirkenden Promis wieder auf dieselbe Ebene mit einem selbst. Schließlich sind wir alle nur Menschen. Und es ist ja auch nicht so, dass die prominenten Menschen von dem Klatsch und Tratsch nicht profitieren würden …

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