Diane Kruger als strahlender Mittelpunkt in Cannes Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP/picturedesk.com

Diane Kruger, 40, ­wurde soeben beim Filmfestival in Cannes mit dem Preis für die beste Schauspielerin ausgezeichnet. Und das für ihren ersten deutschsprachigen Film. Bisher kannte man die Deutsche aus Hollywood-Hits wie „Troja“ oder „Inglourious Basterds“. Jetzt drehte sie mit Regisseur Fatih Akin das Drama „Aus dem Nichts“, in dem Kruger als Frau zu sehen ist, die Mann und Kind bei einem Terroranschlag verliert. Ein grandios gespieltes Trauer­drama rund um Schmerz und Rache, das ab Herbst auch bei uns zu ­sehen sein wird. Wir treffen die entspannte Palmen-Gewinnerin in Cannes zum Interview.

Weekend: Frau Kruger, Ihr ­erster Film auf Deutsch wurde gleich mit einer Palme belohnt. Wie ist dieses Gefühl?

Großartig! Vor allem deshalb, weil „Aus dem Nichts“ vermutlich der Film ist, in den ich bisher am meisten Energie gesteckt habe. Ich habe Fatih Akin hier in Cannes kennengelernt – und wir ­beschlossen, gemeinsam zu arbeiten. Dass daraus eine so intensive Arbeit werden ­würde, war mir damals noch nicht klar.

Weekend: Im Film geht es um eine Mutter, die ihre Familie bei einem Terroranschlag verliert. Warum geht es dabei um Neonazis und die NSU, und nicht um Dschihadisten?

Ich glaube, der Film könnte sich genauso um Terroristen des „Islamischen Staates“ drehen, und meine Figur könnte Französin oder Amerikanerin sein, denn die ­Terrorbedrohung ist universell geworden. Daher ist es austauschbar, von wem die Bedrohung kommt.

Weekend: Haben Sie Angst vor dem Terror?

Ich bin zumindest stets wachsam und schaue über meine Schulter, was vor sich geht. Ich lebe in New York City, da kann man nirgends hin­gehen, ohne an den Terror zu denken. Zugleich muss ich sagen: Man hört immer von den Tätern und wie sie zu Terroristen wurden. Was man nicht hört, sind die Geschichten der Opfer. Das war für mich der wesentlichste Grund, diesen Film zu machen. Es geht um eine Frau, die mit dem Verlust der Familie und unendlicher Trauer fertig werden muss. Wenn über Terroranschläge berichtet wird, reduzieren sich diese Schicksale auf nüchterne Zahlen, wie zuletzt auch beim Anschlag in Manchester. Es heißt: wieder 20, 50 oder 100 Tote.

Weekend: Wie persönlich ist dieser Film für Sie?

Es ist der persönlichste Film, den ich je gemacht habe, denn er hat mich tief bewegt. Nicht nur die Trauerarbeit, die die Figur durchleiden muss, sondern auch die Tatsache, dass ich dafür wieder nach Hause gekommen bin, für die erste lange Zeitspanne seit 25 Jahren. Während der Dreharbeiten ist mein Stiefvater gestorben, das hat mich ungeheuerlich getroffen. Kurz vorher starb meine Großmutter. Das Jahr erinnerte mich an meine eigene Sterblichkeit.

Weekend: Was muss man in sich selbst suchen, wenn man Trauer so intensiv darstellen will, wie Sie es im Film tun?

Der Prozess ist schwer zu ­erklären. Man wird mit dem Alter immer besser darin, sich Mauern zu errichten, die einen schützen sollen. Man wird immer weniger spontan, weil man schon weiß, wobei man sich verbrennen kann. Dieser Film zwang mich hingegen, mich vor der Kamera mit meinen Mauern zu konfrontieren, mit all den Ängsten und den Fragen über den Sinn des Lebens und wo man gerade steht.

Weekend: Wo stehen Sie also gerade?

Als meine Großmutter starb, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich nun an der Reihe bin, mich um meine Mutter zu kümmern. Sie hatte sich davor um meine Großmutter gekümmert. Das ist ein Prozess, den man erst einmal verstehen muss: Wie das ­Leben voranschreitet. Man ist selbst plötzlich nicht mehr das Kind, um das sich alle kümmern.

Weekend: Sie wurden im Vorjahr 40. Hat das Ihre ­Einstellung zu Leben und Karriere verändert?

Um ehrlich zu sein, ist 40 für mich bloß eine Zahl. Ich habe mir mehr Gedanken gemacht, als ich 30 wurde. Damals dachte ich, ich wäre jetzt erwachsen, wisse aber gar nichts vom Leben. Heute glaube ich, dass das Beste noch vor mir liegt. Ich habe keine Angst vor einem Kar­rieretief. Sehen Sie sich Nicole Kidman an, die gesagt hat, sie habe mit 50 mehr ­Angebote als je zuvor! Und selbst wenn ich keine Rollenangebote mehr bekäme, wäre das kein Drama für mich.

Weekend: Dass Sie als Frau den Film völlig alleine tragen, ist leider immer noch selten in der Filmszene. Wie steht es aus Ihrer Sicht um die Situation von Frauen beim Film?

Durch Netflix und Amazon Studios hat sich viel getan: Hier bieten sich großartige Gelegenheiten für Frauen an, es ist eine aufregende Zeit. Ich kann nicht in die ­Zukunft schauen, aber ich sehe so ­viele starke Frauenfiguren in den neuen Serien wie noch nie zuvor, und auch hinter der Kamera gibt es vermehrt Jobs. Ich finde das sehr vielversprechend.

DIANE KRUGER
Geboren: 15. 7. 1976, Algermissen (D)
Familienstand: 2016 trennte sich die 40-Jährige von ihrem langjährigen ­Partner, Schauspieler Joshua Jackson (39). Kinder hat die Deutsche noch keine. Werdegang: Ursprünglich wollte Diane Tänzerin ­werden, wegen einer Verletzung musste sie diesen Traum aber aufgeben. Sie ging nach Frankreich, um zu modeln, nahm nebenher Schauspielunterricht – und entdeckte schlussendlich ihr wahres Talent.