Foto: South West News Service Ltd/Action Press/picturedesk.com

Das kleine Dorf galt einst als florierender Ort. Doch mit der Zeit verstarben viele Einwohner oder wanderten in die Städte aus, um Arbeit zu finden. Trotzdem sind sie in Form von lebensgroßen Puppen wieder zurück nach Nagoro gekehrt. Für Fans gruseliger Reiseziele ein absoluter "place to be".

Ein unheimliches Bild

Dem Besucher bietet sich auf den Straßen des kleinen Ortes ein unheimliches Bild: Bauern starren von ihren Feldern auf die Straße. Ein Fahrradfahrer mit Helm beugt sich über eine Leitplanke. An einer Bushaltestelle sitzen Frauen mit Kindern und warten. Das verstörende an dem Bild: All diese Gestalten sind völlig regungslos. Spätestens jetzt weiß man: Man ist in Nagoro, dem Tal der Puppen!

Menschen, die unter Verfolgungswahn leiden, sollten diesen Ort besser meiden. Lachen, Gefühle oder Bewegung sind hier die Ausnahme und das obwohl die Puppen erschreckend echt aussehen.

Woher kommen die reglosen Einwohner?

Gott erschuf die Menschen, Ayano Tsukimi die mehr als 350 Puppen. Je näher man dem Haus der inzwischen fast 70-jährigen Frau kommt, desto mehr Puppen belagern den Wegesrand. Sie ist in Nagoro aufgewachsen und lebt bis heute mit ihrem Vater alleine in einem Haus in dem Dorf. Ihr Mann und ihre Tochter leben in Osaka, in der größeren Stadt haben sie einen Job und ein besseres Leben gefunden. Nagoro ist ein totes Dorf, in dem bereits vor vielen Jahren die letzte Firma geschlossen hat, und so den Einwohnern die letzte Chance auf Arbeit genommen wurde. Die Straßen sind menschenleer, und die einzige Schule musste schließen, da sie zuletzt nur noch von zwei Schülern besucht wurde. Heute leben nur noch 37 Menschen in dem Ort.

Warum gerade Puppen?

Ayano Tsukimi hatte ebenfalls versucht, ihre Heimat zu verlassen und zog für kurze Zeit nach Osaka. Doch die Sehnsucht nach ihrem wahren Zuhause ließ sie zurückkommen. Sie begann sich an dem einsamen Ort zu langweilen. Die wenigen verbliebenen Bewohner waren tagsüber nie da, weil sie zum Saufen und Glücksspielen gingen. Die Idee für die Puppen kam der Schöpferin, als sie die erste Puppe, die als Vogelscheuche für ihr Feld gedacht war, bastelte. Sie ähnelte Tsukimis Vater und da kam ihr der Gedanke, dass sie Puppen entwerfen könnte. Deren Aussehen wird von Familie, alten Freunden und Nachbarn bestimmt. Dabei ist es egal, ob es sich um tote oder lebendige Menschen handelt. Vor allem den verstorbenen Bewohnern des Dorfes möchte Ayano mit ihren Puppen eine neue Seele geben. Sie führen ihr Leben einfach als solche weiter.

Tal der Puppen 2
Ayano Tsukimi's erste Puppe ähnelte ihrem Vater Foto: Elaine Kurtenbach/AP/picturedesk.com

Bewohner fürchten die Puppen

In Japan glauben viele daran, dass auch Gegenstände wie Puppen eine Seele annehmen können und so zum Leben erweckt werden. Das erklärt, warum viele Bewohner Angst vor den unzähligen stummen Nachbarn haben. Ayano, für die die Puppen wie ihre Kinder und das beste Mittel gegen Einsamkeit sind, hat viele Gegner, die es nicht begrüßen, bei jedem Schritt von den leblosen Augen der Puppen beobachtet zu werden. Die Schöpferin der skurrilen Gefährten lässt sich davon aber nicht abhalten, immer mehr Puppen anzufertigen. Die Materialien finanziert sie mit Spendengeldern, welches sie von begeisterten Touristen erhält. Der kleine Ort wurde - dank Tsukimis Puppen - zu einer wahren Touristenattraktion.

Spezialität Großmütter

Die Großmutter-Puppen gelingen Ayano Tsukimi immer besonders gut. Die Herausforderung bei der Anfertigung der Kunstwerke ist das Gesicht. Vor allem der Mund ist schwer zu nähen, und eine falsche Bewegung reicht, um aus einer freundlichen Gestalt eine grimmige Puppe zu machen. Selbst die Schule, die ihren Betrieb schon lange eingestellt hat, ist voll mit den stummen Genossen. Schüler, Lehrer und sogar ein Direktor sind im Klassenzimmer und auf den Gängen anzutreffen. Auf dem Lehrerpult stehen immer frische Blumen, die Szene soll ja möglichst echt aussehen. Die Beschäftigung wird der kreativen Dame sicher nicht ausgehen: Alle drei Jahre muss sie die Exemplare, die im Freien stehen, aufgrund der Witterungsschäden gegen neue austauschen.

Tal der Puppen
Im Klassenzimmer lauschen die Schüler gespannt ihrem Lehrer Foto: Elaine Kurtenbach/AP/picturedesk.com

Ihr Ebenbild passt auf sie auf

Die Künstlerin hat auch eine Puppe von sich selbst angefertigt. Sie passt im Garten auf das Feuer auf, wenn Ayano Tsukimi ein Schläfchen macht. Vor dem Tod hat die Puppenschöpferin keine Angst. Sie glaubt an das ewige Leben. Wer weiß, wenn irgendwann alle verbliebenen Einwohner in Nagoro tot sind, vielleicht lebt Ayano Tsukimi dann alleine mit ihren Puppen im Dorf weiter. Sie hat schließlich keine Angst vor ihren Schöpfungen.

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