v.l.n.r.: Michael Ludwig (SPÖ), Präsident des ÖGB Erich Foglar, Bürgermeister Michael Haeupl und Günther Kräuter (SPÖ) Foto: Michael Gruber / EXPA / picturedesk.com

Wohl kaum jemand will die „gute alte Zeit“ vor 1975 zurück. Denn erst da wurde in Österreich die 40-Stunden-Woche eingeführt. Davor gingen die Menschen für faire Entlohnung auf die Barrikaden. Heute verlangt die Gewerkschaft eine 35-Stunden-Woche und eine sechste Urlaubswoche. Da stellt sich die Frage: Ist das zu viel? Und: Braucht es die Gewerkschaften für den Arbeitskampf überhaupt noch, oder sind sie im Jahr 2015 nur noch ein Hemmschuh für das dringend benötigte Wirtschaftswachstum?

Sinkende Zahlen

Der ÖGB (Österreichische Gewerkschaftsbund), verzeichnet seit Jahren schrumpfende Mitgliederzahlen. Waren in den 1980er-Jahren noch mehr als 1,6 Millionen Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert, so nimmt seit Mitte der 1990er- Jahre der Zulauf ab. 2014 waren nicht einmal mehr 1,2 Millionen ­Österreicher in einer Gewerkschaft verankert, Tendenz weiter sinkend. 

Gefährlicher Kreislauf

Ende September waren 8,3 Prozent der Österreicher auf Arbeitsplatzsuche. Auf der anderen Seite schrumpft das Wirtschaftswachstum, Österreich als Standort internationaler Unternehmen verliert zunehmends an Bedeutung. Wo hohe Belastungen und Auflagen warten, ist weniger zu verdienen – diese Rechnung ist klar. Doch wenn die Menschen keine Arbeit haben, weil es keine Jobs gibt, verdienen sie nichts. Ob ein Anziehen der Daumenschrauben bei den Unternehmen der richtige Weg ist, um sie dauerhaft in Österreich zu halten? „Was der Wirtschaftsstandort Österreich nach Jahren der ­Stagnation zu allererst braucht, ist die Rückkehr zu einem ordentlichen Wirtschaftswachstum. Dann ist auch die notwen­dige Trendumkehr bei der ­Arbeitslosigkeit möglich, die bei uns im Gegensatz zu ­vielen anderen EU-Ländern nach wie vor steigt“, betont Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl. 

Weekend-Christoph-Leitl.jpg
Christoph Leitgeb, Präsident der Wirtschaftkammer   Foto: Michael Gruber / EXPA / picturedesk.com
Teurer Urlaub

Erst kürzlich blitzte die Metaller-Gewerkschaft bei der traditionellen Herbstlohn-Runde mit der Forderung nach einer 6. Urlaubswoche ab. „Neue Belastungen der Unternehmen durch mehr Urlaub für Arbeitnehmer sind eindeutig schädlich für Standort und Arbeitsplätze. Die von Arbeitnehmervertretungen geforderte volle Vordienst­zeitenanrechnung bei der sechsten Urlaubswoche würde die Betriebe mit mindestens rund 400 Mio. Euro zusätzlich belasten“, sagt Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung.

Weekend_Christoph-Neumayer.jpg
Christoph Neumayer sieht neue Belastungen für Unternehmer Foto: Gilbert Novy / KURIER / picturedesk.com
Belastungsstopp

Eine Lohnnebenkostensenkung sei angesichts der hohen Arbeitslosigkeit ein Gebot der Stunde, um neue Jobs in Österreich zu schaffen, so die IV. „Weitere und neue Belastungen für die Unternehmen sind in der gegenwärtigen Situation mit Null-Wachstum, massiver Kosten- und Bürokratiebelastung und Rekordarbeitslosigkeit einfach nicht mehr tragbar“, betont Neumayer. Seit 2008 sind die Kosten für Unternehmen um 21 Prozent gestiegen. 

Schmaler Grad

Geht es nach WKO-Präsident Leitl, dann sind Gewerkschaften gerade in wirtschaftlich turbulenten Zeiten wichtig und notwendig. Doch wenn zu viel Erfolg seitens der Gewerkschaft dazu führt, dass sich Unternehmen eine geregelte Beschäftigung im Inland nicht mehr leisten können, ist der Arbeitskampf über sein Ziel hinausgeschossen. Teilzeit mit Überstunden und die „neuen Selbststän­digen“, die über keine Lobby und keinen Kollektivvertrag verfügen, kommen billiger. Ob das im Sinne des Erfinders ist, bleibt offen. Doch auch hier gilt: Wer das attraktivste Angebot hat, erhält den Zuschlag. Das Klima wird rauer. Auch im Sozialstaat.