3 Prozent leben unter "erheblichen materiellen Einschränkungen" Foto: erllre/iStock/Thinkstock

Dass Frau G. (62) nach einem arbeitsreichen Leben nicht gerade auf der Butterseite des Lebens gelandet ist, sieht man ihr nicht an. Sie trägt Markenkleidung aus dem Secondhand-Laden und verlässt das Haus nie ungeschminkt. Ihre Einraumwohnung ist eng, aber mit Möbeln aus besseren Zeiten solide eingerichtet und tipptopp sauber. Nur wenn man die Alleinstehende beim Einkaufen beobachtet, sieht man, dass hier Schmalhans Küchenmeister ist.

80 Euro für Essen

Gerade mal 20 Euro beträgt ihr wöchentliches Lebensmittelbudget. Das ist das, was von der Mindestpension nach Abzug von Wohn- und sonstigen Fixkosten „zum Leben“ übrigbleibt. Frau G. trägt ihre Lage dennoch mit Fassung – und ihre Einkaufstasche zum „SoMa“, den Sozialmarkt um die Ecke. Sie sagt, es könnte schlimmer sein. Zum Beispiel habe sie einen Invalidenrentner als Nachbarn, dessen ­Lebensmittelbudget nur 40 Euro pro Monat ausmache. „Würde er nicht schwarz ­dazuverdienen, müsste er glatt verhungern.“

1,5 Millionen Benachteiligte

Frau G. und ihr Nachbar gehören zu den 1,542.000 Menschen in Österreich, die von „sozialen Benachteiligungen aufgrund niedriger Erwerbsbeteiligung, geringem Haushaltseinkommen oder erheblicher Einschränkungen“ betroffen sind, wie es die Caritas in einer aktuellen Aussendung umschreibt. Die geschraubte Formulierung soll die Hauptgründe für Armut in Österreich abdecken, die da lauten: zu geringes Einkommen trotz Arbeit, lange Arbeits­losigkeit und niedrige Renten, aber auch physische oder psychische Beeinträchtigungen.

Rückgang

Caritas-Präsident Michael Landau bezieht sich in der Pressemitteilung auf die neuesten Daten der EU-SILC-Erhebung (Statistics on Income and Living Conditions). Diese zeigen, dass der Anteil der „armuts- oder ausgrenzungsgefährdeten“ Menschen in Österreich mit derzeit 18 Prozent unter dem europäischen Durchschnitt von 23,7 Prozent liegt. Auch der gewiss nicht als Verharmloser der Armut bekannte Landau gibt zu, dass sich die Situa­tion „leicht entspannt“ hat. 2008 zählte man noch 157.000 Personen mehr, die gemäß EU-Definition in ­diese Kategorie fallen.

Mehr Realeinkommen

Eine gute Nachricht also. Doch was ist mit dem Satz von den „Reichen, die immer reicher“ und den „Armen, die immer ärmer werden“? Vertraut man der Analyse der „Agenda Austria“, des von dem Wirtschaftsjournalisten Franz Schellhorn gegrün­deten Expertenforums, so trifft diese Aussage für Österreich nicht zu – zumindest nicht für die Entwicklung der Einkommen. Laut Agenda Austria haben Arm und Reich im Zeitraum zwischen 2004 und 2014 an ­Realeinkommen zugelegt. So stieg das Pro-Kopf-Einkommen (staatliche Transfers mit eingerechnet) in Haushalten von Geringverdienern um ein sattes Drittel (33 %); in Haushalten von Spitzenverdienern hat es um 43 Prozent zugenommen. Auch die Preise kletterten um 23 Prozent nach oben, aber weniger stark als die Einkommen.

1.185 Euro

Als armutsgefährdet gilt in Österreich, wer weniger als 60 Prozent des „Medianeinkommens“ zur Verfügung hat – das ist jener Mittelwert, ab dem die eine Hälfte der Haushalte mehr und die andere Hälfte weniger zur Verfügung hat. Nach den Erhebungen der Statistik Austria ist diese „Armutsgefährdungsschwelle“ seit 2004 preisbereinigt um rund 15 Prozent gestiegen und lag 2016 bei 1.185 Euro (12 x pro Jahr). „Mehr wäre sicherlich besser“, resumiert die Agenda Austria, „aber die Entwicklung läuft in die richtige Richtung.“

Verteilung der Einkommen

Im Vergleich zu anderen ­europäischen Ländern sind die Einkommen in Österreich recht gleich­mäßig verteilt, und auch der Abstand zwischen Höchst- und Geringverdienern blieb zuletzt weitgehend stabil. Eine Eurostat-Auswertung der österreichischen Einkommen inklusive der staatlichen Transfers ergab für 2015 einen „Gini-Koeffizienten“ von 0,27 – das heißt, das System tendiert grundsätzlich zur Ausgewogenheit. Mit der Maßzahl „Gini“ ­beschreiben Statistiker die „Gleichheit“ von Verteilungen: beträgt sie 0, herrscht völlige Gleichheit (alle haben dasselbe), die Zahl 1 bedeutet totale Ungleichheit (einer hat alles, die anderen nichts).

Und das Vermögen?

Ganz anders die Situation beim privaten Vermögen – es ­umfasst das Finanzvermögen wie auch Sachwerte wie Immobilien, Grundstücke oder Oldtimer und Gemälde. Hier hat die Europäische Zentralbank einen hohen Gini-Koeffizienten von 0,8 berechnet. Damit gehörte Österreich zu den europäischen Ländern mit der ungleichsten Vermögensverteilung überhaupt – frei nach dem Motto „Wenige haben alles, viele nichts.“ Genaueres weiß man allerdings nicht. Wohlhabende geben nämlich ­ungern Auskunft über ihre Besitzverhältnisse, und eine Vermögenssteuer, die exakte Daten liefern könnte, gibt es nicht. Die Hälfte hat fast nichts. Ökonomen der Kepler Uni in Linz haben vor einigen Jahren trotzdem versucht, im Auftrag der AK die Verteilung der Besitztümer zu beschreiben. Ihre auf einer Umfrage basierende Studie „Reichtum im Wandel“ beschrieb damals die Lage so: Das reichste Prozent der Österreicher besitzt 37 Prozent des Gesamtvermögens – und die wohlhabendsten fünf Prozent kommen bereits auf 57,8 Prozent. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung bescheidet sich mit den übrigen 2,2 Prozent der materiellen Güter.

Acht Superreiche

Das tut weh! In dieselbe Kerbe schlagen auch die regelmäßigen Wohlstands-Berichte der Hilfsorganisation Oxfam. Anfang dieses Jahres behauptete Oxfam, mittlerweile würden die acht reichsten Milliardäre mehr Vermögen als die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung besitzen.

Ist das gerecht?

Derartige Meldungen befeuern die ­Diskussion um die sogenannte „Verteilungsgerechtigkeit“. Von vielen Menschen wird die Konzentration von großem Reichtum in wenigen Händen als „ungerecht“ empfunden. Irgendwie spielt da die Vorstellung mit, dass das Kuchenstück der Reichen so groß ist, weil sie den Armen den Großteil der Torte weggenommen haben. Wobei kaum ein Unterschied zwischen ererbtem und selbst erworbenem Vermögen gemacht wird.

Höhere Steuern?

Zwar behauptet niemand, dass es Frau G. finanziell besser ginge, wenn Dietrich Mateschitz weniger Erfolg mit seinem Energy-Drink hätte. Aber man könnte doch mit höheren Steuern auf Mateschitz’ Gewinn und folglich mehr Staatseinahmen die Mindestpensionen anheben? Ja, könnte man schon. Aber es bestünde dann die Gefahr, dass der Selfmade-Milliardär angesichts einer weiteren Steigerung der österreichischen Rekord-Abgabenquote das Handtuch wirft und seinen Firmensitz in ein unternehmerfreundlicheres Land verlegt. Die meisten Red-Bull-Mitarbeiter würden dann ohne Job dastehen, die älteren darunter vermutlich für einen langen Zeitraum. Ein Status, der in jedem Fall ihrer Altersarmut sehr förderlich wäre.