Der Berg ruft: Rettungsteams im Volleinsatz im Einsatz Foto: Astarot/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Verletzte: 2.263, Tote: 132 – so die Alpinunfallbilanz des Vorjahres alleine in den klassischen Sommersportdisziplinen. Tendenz: steigend. Bei ähnlich gutem Wetter wie im Vorjahr dürfte den Bergrettern also ein intensiver Sommer bevorstehen. Denn gerade mit Ferienstart steigt die Anzahl der Rettungseinsätze signifikant. Um dafür gerüstet zu sein, wird viel Wert auf die Ausbildung der Bergretter gelegt – wie wir selbst hautnah erleben durften.

Lokalaugenschein

Im Jamtal nahe Galtür, im Ausbildungszentrum der Tiroler Bergrettung, sind 25 Auszubildende zum zweiten Teil der Grundausbildung eingerückt. Nun warten sie, dass der Helikopter sie auf den Fluchthorngletscher bringt, um dort den Ernstfall zu proben. Heute am Programm: die Gletscherspaltenbergung, eine Seilschaft im steilen Gelände zu sichern, Gefahren durch Altschneefelder und die Seilbergung am Helikopter.

Üben im Schnee

Acht Tage lang werden im Sommerkurs Rettungssituationen geprobt, Theorie vertieft und medizinisches Wissen erlernt – bevor am Ende eine große Abschlussübung am Programm steht. Der praktische Teil ist dabei besonders wichtig – wer selbst Hand anlegt bei einer (fiktiven) Bergung, reagiert im Ernstfall schneller und besser. Die erste Station für heute ist also die Seilschaft – und der praktische Test, wie viel Belastung eine Sicherung mittels "Sitzpickel" im steilen Gelände tatsächlich aushält (das ist nämlich eine Menge, je nach Gefälle). Bei den Altschnee­feldern wird es spannend: Wie schnell kommen die Jungs und Mädels in die Liegestützposition, um zu bremsen? Und wie viel schneller klappt das Bremsen mit dem Pickel? (Mit Pickel deutlich schneller und kontrollierter.) Bei der behelfsmäßigen Spaltenbergung darf dann nur das Material genutzt werden, das man auf der Tour mithat. Hier gibt es also die Antwort auf die Frage: Was tun, wenn man einen Kameraden retten will oder schnell gehandelt werden muss? Das Ergebnis ist in dem Fall ein Flaschenzug mit Umlenkrolle.

Das Highlight

Der Höhepunkt kommt am Ende der Praxiseinheit: die Seilbergung, baumelnd am Helikopter. Für fast alle ist das eine Premiere – und umso spannender. Zuvor noch die Einweisung des Piloten in die Dos und Don’ts im Ernstfall. Denn auch hier kann einiges schiefgehen und mitunter tödlich enden. Dann geht's los: Beim Abheben dreht sich das Seil – die Aerodynamik der Rotorblätter ist der Grund dafür. Sobald der Heli aber Geschwindigkeit aufgenommen hat, geht es stabil und rasant durch die beeindruckende Bergkulisse zurück zum Ausbildungszentrum ins Tal.

Voller Einsatz

Solche Erlebnisse bleiben in Erinnerung und sind für die Teilnehmer wichtig, weiß Christian Eder, Schulleiter des Ausbildungszentrums Jamtal und selbst staatlich geprüfter Bergführer und Ortsstellenleiter der Berg­rettung in Ginzling (Zillertal): "Uns ist es wichtig, das Können der Teilnehmer zu verbessern und dass diese auch objektiv Gefahren einschätzen können. Fünf Bergführer sind immer dabei, die in Kleingruppen mit den Leuten arbeiten und auch viele Tipps geben. Aber auch Spaß und Kameradschaft sind wichtig." Das ist auch unser Eindruck: Die Truppe arbeitet perfekt zusammen, jeder unterstützt den anderen und niemand will den anderen übertrumpfen. Das Engagement ist groß. Immerhin nehmen sich die Leute bereits für die Ausbildung viel Urlaub – zwei Wochen, einmal für die ­Winter- und einmal für die Sommerausbildung. Hinzu kommt die Zeit, die sie in den Ortsstellen und für die Einsätze investieren. Denn bereits vor der Ausbildung müssen sie mindestens ein Jahr lang Erfahrung in einer Ortsstelle der Bergrettung gesammelt haben.

Faktor Sicherheit

Das Thema Sicherheit spielt also in allen Bereichen eine wichtige Rolle: "Wenn man in einer steilen Rinne eine Bergung durchführt, dann muss alles funktionieren", bringt es der Ausbildungsleiter auf den Punkt und ergänzt: "Dass die Bergretter ihr Leben riskieren, kann ich so nämlich nicht unterschreiben. Ein gewisses kalkulierbares Risiko mag sein, aber wenn ein Einsatz für unsere eigene Sicherheit nicht vertretbar ist, dann brechen wir ab. Das vermitteln wir auch in der Ausbildung – und deshalb wird dort z. B. viel Wert auf die selbstständige Geländebewertung gelegt."

Hochsaison

Viel des neu erlernten Wissens werden die jungen Bergretter bereits in den nächsten Monaten benötigen. „Die Zahl der Wanderer nimmt zu, dementsprechend gibt es auch mehr Unfälle. Beim Klettersteiggehen und mit E-Bikes passieren zudem auch immer mehr Unfälle“, erzählt Eder. Karl Gabl, Präsident des Kuratoriums für Alpine Sicherheit, stimmt ihm zu: "Die Leute meinen immer, sie können Wandern. Dabei fehlt ihnen die Trittsicherheit. Die meisten Unfälle passieren durch Ausrutschen, Stolpern und Stürzen." Zudem sieht Gabl ein erhöhtes Risiko bei Männern und erklärt schmunzelnd: "Frauen sind die intelligenten alpinen Wesen." Der Grund: "Sie handeln überlegter und sind vorsichtiger – deshalb entfallen auch 85 Prozent der Todesfälle im alpinen Raum auf Männer." Bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass die Bergretter auch heuer wieder viele Menschen retten können und so das Schlimmste verhindern.

Österreichische Bergrettung

Mannschaft je Bundesland:

  • Tirol: 4.356 Männer, 207 Frauen
  • Salzburg: 1.881 Männer, 80 Frauen
  • Steiermark: 1.695 Männer, 85 Frauen
  • Vorarlberg: 1.218 Männer, 103 Frauen
  • Wien/Niederösterreich: 1.198 Männer, 136 Frauen
  • Kärnten: 970 Männer, 74 Frauen
  • Oberösterreich: 790 Männer, 27 Frauen