„Statt praxisfremder Gesetze wäre ich für gesonderte Zweitwohnsitzabgaben. Das wäre eine faire Ausgleichszahlung“, Wolfgang Viertler, Bürgermeister Mittersill. Foto: www.neumayr.cc

Weekend: Was halte Sie vom neuen Raumordnungsgesetz?

Viertler: Obwohl die Giftzähne gezogen wurden, gibt es immer noch Probleme. Im Gesetz kommt der Naturanspruch vor dem Menschen – und das kann in Regionen wie dem Oberpinzgau Entwicklungspotenzial vernichten. Zum Beispiel sollen nur dann neue Siedlungen entstehen, wenn der motorisierte Individualverkehr dadurch nicht steigt. Im Pinzgau haben wir aber kein Öffi-Netz wie beispielsweise in der Stadt Salzburg, man ist auf ein Auto angewiesen. Es ärgert mich, wenn große Städte glauben, besser zu wissen, wie man ländlichen Raum strukturieren soll.

Weekend: Was halten Sie von den Beschränkungsgebieten für Zweitwohnsitze?

Viertler: Das ist ein legalisierter Verwaltungsrausch der Regierung, der rein gar nichts bringt. Wir leben in der EU, in der Niederlassungs- sowie Kapitalfreiheit herrschen – dagegen kommt man nicht an. Außerdem, wie soll ich kontrollieren, ob eine gemeldete Ferienwohnung vom Eigentümer nicht selbst genutzt wird? Möglich wäre es schon – mit Privatdetektiv und Rechtsanwalt. Aber was ist das Ziel? Der Eigentümer meldet dann eben auf einen Arbeitssitz um.

Weekend: Haben Sie einen besseren Lösungsvorschlag?

Viertler: Statt praxisfremder Gesetze wäre ich für gesonderte Zweitwohnsitzabgaben. Wir müssen unsere Gemeindeinfrastruktur zwölf Monate im Jahr erhalten, auch wenn der Eigentümer einer Wohnung nur zwei Monate im Jahr da ist. Das wäre eine faire Ausgleichszahlung, die der Gemeinde und somit der Bevölkerung zugute käme.

Weekend: Vor allem Chalet-Dörfer sind vielen Einheimischen ein Dorn im Auge. Was sagen Sie dazu?

Viertler: Chalet-Dörfer stehen in der Regel dort, wo kein Einheimischer wohnen möchte – relativ weit vom Zentrum entfernt. Die ein oder andere Gemeinde hat es übertrieben, das ist aber kein Grund, gleich alle zu verteufeln. Ansonsten wird das Entwicklungspotenzial jener Kommunen eingeschränkt, die sich an die Regeln halten.

Weekend: Sie sind gegen eine Verbotskultur. Auch weil Einnahmen verloren gehen?

Viertler: Im Oberpinzgau ist jeder Dritte im Bau- oder Baunebengewerbe tätig. Der Wohlstand der Region resultiert vielfach aus der Investitionsfreudigkeit der Ausländer, die sich bei uns etwas kaufen.

Weekend: In Sachen Bauland begrüßen Sie Infrastrukturabgaben – warum?

Viertler: Damit könnte man ungenütztes Bauland mobilisieren und verhindern, dass Land auf Reserve gehalten wird, um den Preis in die Höhe zu treiben. Wichtig wäre außerdem, dass klar definiert wird, was als Bauland in Frage kommt und was nicht. Nur so kann die enorme Grundverteuerung gestoppt und jungen Menschen Eigentum ermöglicht werden. Kommen soll das erst in fünf bis zehn Jahren – das brauchen wir aber sofort, um aktiv Bodenpolitik betreiben zu können. Ansonsten werden wir in einigen Jahren zurückwidmen müssen – eine Streiterei ist somit vorprogrammiert.

Weekend: Was ist außerdem nötig, um die Region für junge Menschen attraktiv zu machen und Abwanderung zu stoppen?

Viertler: Vor allem junge Damen verlassen die Region, weil sie keine Jobs finden. Wichtige wäre in den Bereichen Bildung, Pflege sowie im öffentlichen Dienst Stellen zu schaffen und die nötigen Ausbildungsstätten zu bieten.

Weekend: Stimmt es, dass es im Tauernklinikum Mittersill kaum noch Ärzte gibt?

Viertler: Das ist richtig. Mittersill sollte ursprünglich ein modernes Regionalkrankenhaus bekommen, dafür habe ich viele Kämpfe ausgefochten. Über das Ergebnis bin ich sprachlos. Was in Zukunft passieren wird, weiß ich nicht, allerdings braucht der Oberpinzgau dieses Krankenhaus. Erstens für die medizinische Versorgung und zweitens für die Regionalentwicklung – es schafft rund 200 Arbeitsplätze.

Weekend: Sommerzeit ist Hochwasserzeit – wie sieht es mit der Hebebrücke aus?

Viertler: Der Hochwasserschutz ist fertig, es fehlt nur noch die Brücke, um Wasserausbruch und Rückstau zu verhindern. Der Baubeginn ist für September geplant – im nächsten Jahr sollte die Brücke fertig sein.

Weekend: Vor zwölf Jahren kehrten Sie der FPÖ den Rücken. Können Sie sich eine Rückkehr vorstellen?

Viertler: Das steht nicht in meiner Lebensplanung. Ich bin freiheitsliebend und sage, was ich mir denke. In Parteien ist das sehr schwierig.

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Kurz & bündig

Gemeinden brauchen:
Perspektive

Berufswunsch als Kind:
Fußballer

Geht mir gegen den Strich:
Heuchelei

Mein Job ist für mich:
ausfüllend

Zur Person:

Wolfgang Viertler ist seit 2004 Bürgermeister von Mittersill und war zuvor sowohl bei Stadt (1992/1933) als auch Land Salzburg (1993/1994) für die Raumordnung als Ressortsekretär zuständig. 2005 verließ der gebürtige Steirer die FPÖ und gründete seine eigene Partei „Viert“.