Foto: Sandro Zangrando

Wie die meisten Männer halte ich mich selbst für einen passablen Autofahrer, der auch mit Geschwindigkeit gut umgehen kann. Doch mein Nachmittag mit Bernhard Auinger sollte mich eines Besseren belehren. Meinen Volvo ließ ich auf dem Parkplatz zurück und wechselte auf den Beifahrersitz eines Nissan 370Z. Der 328 PS starke Flitzer wurde für die Bedürfnisse am Ring leicht modifiziert und beschleunigt von 0 auf Tempo 100 in nur 5,3 Sekunden. Zum Vergleich: Mein Volvo benötigt gut doppelt so lange.

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Foto: Sandro Zangrando

Die Theorie

Bevor es jedoch auf die Strecke ging, stand eine kurze Theorieeinheit auf dem Programm. Das Streckendesign für den Red Bull Ring übernahm mit Hermann Tilke der weltweit renommierteste Streckenarchitekt. Auf der 4,3 Kilometer langen Runde warten gleich sieben Rechtskurven, was eine extreme Belastung der inneren Räder zur Folge hat. Zusätzlich ist aufgrund des an die natürlichen Begebenheiten angepassten Strecken-Layouts auf jeder Runde ein Höhenunterschied von 65 Metern zu bewältigen. Spitzengeschwindigkeiten von weit über 300 km/h, stellen auch unglaubliche Anforderungen an die Bremsen. Bei den Bremsmanövern müssen Mensch und Maschine bis zu 5G Verzögerung – in meinem Fall würde es mich also mit rund 425 Kilogramm in die Gurte pressen – aushalten. „Obwohl sich das Überholen in der Formel 1 generell immer schwieriger gestaltet, bietet der Red Bull Ring in der „Remus“- und der „Rauch“-Kurve gute Möglichkeiten für ein Überholmanöver“, erklärt Bernhard Auinger und ergänzt: „Das coole am Red Bull Ring ist, dass dadurch die Zuschauer fast die gesamte Rennstrecke im Blick haben.“

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Bevor es mit dem Experten Bernhard Auinger in einem Nissan 370Z (328 PS) auf eine schnelle Runde ging, gab es eine theoretische Einschulung und eine ausgiebige Streckenbesichtigung mit Tipps vom Profi. Foto: Sandro Zangrando

Praxisnah

Nach der Theorie gab’s auf der Einführungsrunde noch einen „Lokalaugenschein“ in der „Remus“-Kurve. Hier haben die Fahrer aufgrund der enormen Geschwindigkeit ein Zeitfenster von nur einer Zehntelsekunde um den perfekten Bremspunkt zu erwischen. „Du bist nur dann schnell, wenn du die Anbremspunkte über das ganze Rennen perfekt erwischst“, meint der Rennprofi. Eine weitere Tücke der Strecke sind die Steigungen (max. 12%) und das Gefälle (max. 9,3%), durch die man oft nur einen Teil der Kurven sieht.

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Foto: Sandro Zangrando

Adrenalinschub

Los geht’s! Mein Puls beschleunigt auf der Start-Ziel-Gerade fast genauso schnell wie unser Nissan. Die Beschleunigung ist aber im Vergleich zu den Bremsmanövern harmlos. „Am Anbremspunkt muss man die meiste Kraft aufbringen, um die Kurve im höchsten Tempo nehmen zu können“, erklärt mir Bernd, der anscheinend meinen überraschten Gesichtsausdruck gesehen hat, als es mich in den Gurt katapultierte. Sieben Kurven und jede Menge Reifenquietschen später war der Spaß auch schon wieder vorbei. Wie hoch die Belastung – vor allem für das Auto – wirklich war, lässt sich bei einem Blick auf die Kühlwassertemperatur erahnen. Der Zeiger stand auf Anschlag und das Auto umgab ein Duft von verbranntem Gummi.

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Foto: Sandro Zangrando

Beinhartes Duell

Während ich mich mit leicht zittrigen Knien auf die Heimreise begebe, liefen am Red Bull Ring die Vorbereitungen für den Großen Preis von Österreich auf Hochtouren. Vom 7. bis 9. Juli wurde in Spielberg das nächste Kapitel im WM-Kampf zwischen Lewis Hamilton und Sebastian Vettel geschrieben, den Letzterer nun anführt. Ein Duell, das gerade nach den Vorfällen in Baku noch einmal so richtig Fahrt aufgenommen hat.