Faszination Unterwelt: Geschichten über die Mafia füllen Bände und Filme Foto: yacobchuk/iStock/Thinkstock

Wenn es ein Wort gibt, das die Geschäftsgebarung der italienischen Mafia gut beschreibt, dann ist es „si­tuationselastisch“. So wissen die Paten auch aus der „Emergenza“, dem Flüchtlingsnotstand, ihr Kapital zu schlagen. Im Mai dieses Jahres wurden in der Kleinstadt Isola di Capo Rizzuto 68 Personen festgenommen, überwiegend Mitglieder einer Familie der ka­labrischen Ndrangheta. Sie werden angeklagt, von den 103 Millionen Euro, mit denen der Staat und die EU in den vergangenen zehn Jahren das riesige Asylzentrum in Capo Rizzuto finanziert haben, so einiges abgezweigt zu haben.

"Wie einen Bankomaten"

Laut Staatsanwaltschaft wurden über Firmen des „Arena-Clans“ Beträge über nie erbrachte Leistungen für Verpflegung und Reinigung verrechnet – insgesamt 36 Millionen Euro. „Wie einen Bankomat“ habe die Ndrangheta das Flüchtlingslager benutzt, sagten die Ermittler. Die illegale Einwanderung über die Mittelmeerroute kommt der Mafia auch sonst nicht ungelegen. Sie rekrutiert aus Migrantenkreisen Straßenverkäufer für Drogen, billige Erntehelfer, Prostituierte oder Schwarzarbeiter für ille­gale Müllverklappung oder Ausbeutungsfabriken.

Schlepper-Mafia

Das große Geschäft mit der Völkerwanderung machen allerdings andere. Die türkische Mafia, die auch den Heroin-Schmuggel aus Afghanistan kontrolliert, organisiert den Zustrom der Syrer und Iraker – und libanesische Kar­telle schneiden mit. In Libyen ­finanzieren sich Milizen und Stämme über die Migrantenströme aus den Subsahara-Staaten und Nordafrika. Relevante Player sind auch jene Gruppen aus Nigeria, die Frauen nach Europa locken und dann zwingen, in Bordellen zu ar­beiten.

Milliardengewinne

Die illegale Migration nach Europa sei fest in der Hand von mafiaähn­lichen Organisationen, erklärte das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) erstmals in ihrem Jahresbericht 2014 zum Menschenhandel. Das lässt sich auch daran ablesen, dass längst „Gesamtpakete“ für die Schleppung angeboten und beworben werden. Nur gut organisierte, über mehrere Länder vernetzte Gruppierungen schaffen so etwas. Experten vermuten, dass alleine mit Schleppungen nach Europa derzeit pro Jahr drei bis vier Milliarden Euro jährlich verdient werden.

"Größte Firma der Welt"

Sie handeln mit Menschen, gefälschten Medikamenten und Markenartikeln, sie phishen und hacken, übernehmen und vergeben Auftragsmorde, handeln mit Organen und schmuggeln Zigaretten, verschieben gestohlene Autos und Antiquitäten, erpressen Schutzgeld und verhökern ­illegal ausgegrabene antike Kulturgüter. Die organisierte Kriminalität (OK) ist weltweit stark auf dem Vormarsch und erwirtschaftet laut den Berechnungen der OECD rund 870 Milliarden US-Dollar pro Jahr, das sind 1,5 Prozent des globalen BIP. „Als größtes Unternehmen der Welt“, bezeichnet sie der renommierte Jurist Arndt Sinn von der Uni Osnabrück. Sinn ist Direktor des Zentrums für Europäische und Internationale Strafrechtsstudien und hat heuer die Untersuchung „Wirtschaftsmacht Organisierte Kriminalität: illegale Märkte und illegaler Handel“ vorgestellt.

Starke Zuwächse

Auch für die Europol, die EU-Strafverfolgungsbehörde, ist Sinn als Berater tätig. Innerhalb der EU seien 5.000 Banden, Netzwerke und Organisationen im Bereich der OK tätig, hält ­Europol im aktuellen Sicherheitsbericht fest. 2013 seien es noch 3.600 gewesen, die ­Zunahme beträgt 40 Prozent.

Faktor Darknet

Ein Faktor scheint für den Boom der organisierten Kriminalität ausschlaggebend zu sein: das Internet in seiner subkutanen Ausführung, genannt „Darknet“ – ein schwer kontrollierbarer virtueller Raum, der die IP-Adressen der User verschleiert und damit ein idealer Marktplatz für kriminelle ­Aktivitäten aller Art ist. Hehler setzen hier ihre Ware ab, Auftragsmörder offerieren Dienste, Gangs rekrutieren Personal, und Dealer ver­kaufen Drogen – und bezahlt wird mittels „Bitcoins“, einer digitalen Währung, die keine Buchungsspuren hinterlässt.

Strukturwandel

Neue Arten von Banden entstehen dank Internet: Expertenteams, die sich temporär zusammen­finden, um ein Ding durch­zuziehen, beispielsweise den Schmuggel von illegalen ­Ost-Zigaretten über die EU-Grenze. Und sich ebenso ­wieder schnell auflösen, wenn der Ermittlungsdruck steigt. Oder Banden, die in meh­reren Deliktsbereichen tätig sind und dort agieren, wo das Risiko gerade minimal ist. Im wachsenden Bereich Cybercrime ist ein ganz neuer Typus von Kriminellen am Werk, deren „Waffe ihre Intelligenz ist“, wie es Arndt Sinn in seinem Buch „Mafia 3.0“ ausdrückt. Diese Leute sind zwar nicht gewalttätig, haben aber kein Problem damit, Konten leerzuräumen oder einen Computervirus zu programmieren, mit dem man Unternehmen erpressen kann.

Weniger Gewalt

Strafrechtsexperte Sinn liest aus den vielen Daten und Statistiken, die ihm zugänglich sind, zwar eine Zunahme der Akteure und Umsätze der OK ab, aber gleichzeitig auch einen Rückgang der Gewalt. Der Grund: In der lukrativen und vergleichsweise risikoärmeren Wirtschaftskriminalität wird sie nicht unbedingt benötigt. Nicht mit Mord und Totschlag macht man hier den Reibach, sondern mit Kompetenz. Leute, die Umsatzsteuer-Karusselle, Anlage- und Callcenterbetrügereien und den Schmuggel von gefälschten Nike-Laufschuhen organisieren, sind nicht mehr die ­Ganoven alten Schlages, ­sondern Spezialisten, die das legale Geschäft und somit auch dessen Schlupflöcher ­genau kennen.

Produktpiraten

Die Wirtschaftskriminalität hat dem Drogenhandel schon den Rang abgelaufen. Laut OECD wird mittlerweile mehr als die Hälfte des Umsatzes der weltweiten Organisierten Kriminalität mit Produkt- und Markenpiraterie gemacht – das sind immerhin 2,5 Prozent des jährlichen Welthandels. Hier wiederum hat der Vertrieb von gefälschten Medikamenten große Zuwachs­raten. Warum sich auf den gefähr­lichen und umkämpften ­Drogenmarkt begeben, wenn doch die Gewinne mit Fake-Pillen genauso groß oder größer sind? Aus einem Kilo des Viagra-Wirkstoffs Sidenafil um 50 Euro werden im Hinterhoflabor illegale Potenz­pillen im Handelswert von 90.000 Euro. Vertrieben werden sie im Webshop oder über das Darknet.

Wie eine Holding

Auch die italienische Mafia geht mit der Zeit. Zwar gehören ­Drogen- und Menschen­handel, Schutzgelderpressung und Raub noch immer zum Kerngeschäft, aber längst ist sie auch in den ­internationalen Markenpirateriehandel involviert. Besonders wirtschaftsaffin sind meist die neuen Patinnen, die vielfach die Geschäfte für ihre einsitzenden Ehemänner, Väter oder ­Brüder übernommen haben. Oft haben sie Recht oder Betriebswirtschaft studiert, wie etwa Cinzia Lipari, Tochter eines Cosa Nostra-Paten aus Palermo, die sogar eine Anwalts­lizenz hatte.

Die Müll-Mafia

National machen Camorra & Co das große Geld mit Subven­tionsbetrug und Aufträgen für ihre Bau- und Entsorgungsfirmen. Für den Autor und Mafia-Kenner Roberto Saviano ist es klar, dass die vielen Brände, die ganz Ita­lien diesen Sommer heimsuchten, nicht nur eine ­Folge der Hitze waren. Anscheinend fackelte die Camorra rund um den Vesuv illegale Müllhalden nieder – und schuf gleichzeitig Platz für neue. Auch schlichte ­Erpressung stehe andernorts hinter den Bränden, ist Saviano überzeugt. Die Warnung lautet: „Das ­passiert, wenn ihr euch nicht mit unseren Firmen einigt.“

Organisierte Kriminalität in Österreich

Mafiöse Organisationen in der Donaurepublik sind oft ethnisch gemischt. Die Bosse sind Österreicher oder Türken oder stammen vom Westbalkan, die Untergebenen sind oftmals Tschetschenen oder Albaner. Es gibt aber auch rein afghanische oder tschetschenische Gangs, die begonnen haben, Revierkämpfe untereinander auszufechten. Der aktuelle Sicherheitsbericht des BKA spricht von einer zunehmenden Aktivität türkischer Gruppen, die als Rocker auftreten, wie etwa die „Osmanen“. Sie beschäftigen sich mit Drogen- und Waffenhandel, Schutzgelderpressung sowie zunehmend auch mit Wirtschafts­delikten. Auch Syrer und Iraker waren 2016 verstärkt kriminell auffällig:
sie koordinierten Schleppungen in Zusammenarbeit mit der türkischen Mafia.

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