Ewig leben, für immer jung sein - ein Traum so alt wie die Menschheit Foto: NadyaPhoto/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Schon heute schlagen wir dem Tod ein Schnippchen. Moderne Hygiene, Impfungen und Antibiotika rauben dem Sensenmann die einstmals leichte Beute. Doch damit nicht genug: Wird unser Herz schwach, helfen wir mit Medikamenten, Elektroschocks und Transplantationen nach. Krebs rücken wir mit Chemotherapie, Bestrahlung und Nanorobotern zu Leibe. Ein Ende der Fortschritte in Medizin und Wissenschaft ist nicht absehbar.

Abschied vom Alter

Der Historiker Yuval Noah Harari spricht gar von den "letzten Tagen des Todes". "Für moderne Menschen ist der Tod ein technisches Problem, das wir lösen können und lösen sollten", schreibt er in seinem Bestseller "Homo Deus – eine Geschichte von morgen". In den letzten hundert Jahren hat sich die Lebenserwartung fast verdoppelt. Seuchen, Krieg und Unterernährung sind in der westlichen Welt heute keine ernste Gefahr mehr. Wenn sich Krankheit und körperlicher Verfall bereits jetzt zu einem guten Teil bekämpfen lassen, warum dann beim Alter aufhören? Alter und Tod könnten sich als medizinische Ärgernisse behandeln und lösen lassen.

Geteilte Meinungen

Die Mehrheit der Forscher und Ärzte distanziert sich heute (noch) von Unsterblichkeitsträumen. Einige Experten meinen aber, wir könnten den Tod bis 2200 überwunden haben. Andere nennen 2100 als mögliches Datum. Wieder andere sagen, dass wir bereits heute die letzte sterbliche Generation erleben. Das Ziel der modernen Wissenschaft sei es letztlich, den Tod zu besiegen und ewige Jugend zu schaffen. ­Einer dieser Wissenschaftler ist der Altersforscher Aubrey de Grey.

Zellschäden bekämpfen

Er ist sich sicher, dass es nur sieben unterschiedliche Arten von Molekül- und Zellschäden im Körper gäbe. "Jede dieser Schädigungsformen schwächt unseren Körper und trägt dazu bei, dass wir ab dem sechsten Lebensjahrzehnt zunehmend abbauen und anfällig für Krankheiten werden", erklärt der Wissenschaftler. Um das Alter zu bekämpfen, hat er in Kalifornien die Sens-Foundation gegründet. "Wir entwickeln eine völlig neue Medizin: regenerative Therapien, die alle Zellschäden im Organismus beseitigen, reparieren, ersetzen oder unschädlich machen", sagt Biogerontologe und -informatiker de Grey.

Milliardäre investieren

Zu seinen Mäzenen zählen die reichsten Männer der Welt. So hat etwa Paypal-Gründer Peter Thiel mehrere Millionen in die Forschungseinrichtung investiert. Thiel ist bei Weitem nicht der einzige Superreiche, der bekennt, ewig leben zu wollen, und massig Geld für entsprechende Projekte in die Hand nimmt: Sowohl Amazon-Gründer Jeff Bezos als auch Larry Ellison, Eigentümer des Softwareunternehmens Oracle, stecken Millionen in einschlägige Start-ups. Gerade im Silicon Valley, Hotspot und Inkubator technischen Fortschritts, schießen entsprechende Projekte wie Pilze aus dem Boden. Google Ventures wendet gar 36 Prozent seiner zwei Milliarden Dollar für Start-ups im Bereich Biowissenschaften und Life Sciences auf. Mit Calico wurde sogar ein eigenes Subunternehmen gegründet, dessen einziges Ziel es ist, den Tod zu beseitigen.

Maschinenmenschen

Tesla-Gründer Elon Musk hingegen sponsert das Start-up Halcyon Molecular. Dieses versucht nichts Geringeres, als den Inhalt des menschlichen Gehirns auf Maschinen zu übertragen. Nicht nur die Übertragung unseres Bewusstseins, auch die Verschmelzung mit technischen "Ersatzteilen" könnte unsere Lebenserwartung und -qualität in Zukunft deutlich verlängern. Denken wir hier nur an Hörgeräte, Herzschrittmacher oder über Nervenimpulse steuerbare Prothesen.

Made in Austria

Auch heimische Industrielle unterstützen die Erforschung ewiger Jugend. Zu ihnen zählt Hannes Androsch, der kürzlich drei Millionen Euro in das Start-up Longevity Labs investierte. Das Spin-off der Karl-Franzens-Universität Graz sucht nach Wegen zur Ankurbelung der Zellerneuerung. Im Zuge ihrer Forschung sind die Wissenschaftler auf Spermidin gestoßen. Eine erhöhte Einnahme dieser im menschlichen Körper vorkommenden Substanz soll die Lebenserwartung um bis zu fünf Jahre steigern. Was nach wenig klingt, verheißt einen weiteren kleinen Schritt auf dem Weg zu einem längeren, gesünderen Leben.

Projekt der Superreichen

Generell scheint der Kampf gegen Alter und Tod eines der Steckenpferde moderner Milliardäre zu sein. Wer wird sich das ewige Leben in Zukunft leisten können? "Falls und sobald die Wissenschaft im Kampf gegen den Tod signifikante Fortschritte macht, wird sich die eigentliche Schlacht aus den Laboren in die Parlamente, in die Gerichtssäle und auf die Straßen verlagern", warnt Harari. Hier hören die Probleme aber noch nicht auf. Was passiert mit dem Konzept "bis dass der Tod uns scheidet"? Sind 110 Jahre Ehe eine realistische Beziehungsdauer? Wie werden wir Familienstrukturen und Eltern-Kind-Beziehungen gestalten? Was passiert mit dem Betriebsklima in Firmen, wenn der Chef 120 ist und seine Ideen tatsächlich noch aus dem vorigen Jahrhundert stammen?

Wolf im Schafspelz

Nicht zu vergessen ist auch, dass unser Planet nicht grenzenlos Platz und Ressourcen bietet. Können wir uns das ewige Leben für jeden aus gesellschaftlicher Sicht überhaupt leisten? Fragen, mit denen man sich bereits heute auseinandersetzen sollte. Denn: "Die Wissenschaftler, die 'Unsterblichkeit' rufen, sind wie der Hirtenjunge, der ständig 'Wolf' brüllte", schreibt Harari. "Früher oder später kommt der Wolf tatsächlich."

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