Der legale Handel mit Hanf boomt Foto: ArtRachen01/iStock/Thinkstock

Am 1. Juli 2018 ist es soweit und am Vorabend wird es wohl eine ziemlich große, ziemlich ausgelassene Party geben – mit einem ­charakteristischen Duft in der Luft. Der Anlass zum Feiern: Ab dem Stichtag gilt freies Kiffen für freie Bürger. Die Rede ist von Kanada, dem nördlichen Nachbarn der USA mit 36,6 Millionen Einwohnern. Volljährige Kanadier dürfen ab dem kommenden Sommer bis zu 30 Gramm getrocknetes „Gras“ besitzen und konsumieren. Zugelassen wird außerdem der Anbau von bis zu vier Cannabis-­Pflanzen pro Haushalt. Die gesamte Belieferung des Markts (inklusive der Samen) soll aus staatlich ­genehmigtem Anbau kommen.

Drogenkrieg verloren

Kanada ist nach Uruguay der zweite Staat, der den Cannabiskonsum freigibt und das erste G7-Mitglied, das den Weg der Freigabe beschreitet. Diese war ein Wahlversprechen des liberalen Premiers Justin Trudeau gewesen. Die Zielrichtung ist klar: Der ­illegale Handel soll ausgetrocknet werden. Es geht um einen Schwarzmarkt, der Hunderte Milliarden Dollar jährlich in die Kassen der Drogenkartelle und der Mafia spült. Es geht um die Einsicht, dass der „War on Drugs“ nicht zu gewinnen ist.

Vorreiter Amerika

Uruguay, Kanada und die USA (legaler Konsum zu Genusszwecken in acht Bundesstaaten) bilden derzeit die Avantgarde der Drogenliberalisierung. In Europa ist man da noch zöger­licher, wenngleich sich mit Tschechien (privater Anbau erlaubt) sowie mit Portugal und Barcelona (Cannabis-Clubs erlaubt) liberalere Verhältnisse ergeben haben, bisher hat die Stadt Amsterdam mit ihren Coffee Shops noch keine wirkliche Konkurrenz auf dem Kontinent. Entgegen der landläufigen Überzeugung ist Cannabis in den ­Niederlanden ganz und gar nicht legal: erlaubt nur der Verkauf, nicht die Produktion der Droge.

Kein Thema

Und Österreich? Sicher ist, dass auch hierzulande die Joints munter kreisen – in der Illegalität halt. Eine Legalisierung à la Kanada dürfte in der Alpenrepublik in weiter Ferne liegen. Mit Ausnahme der Grünen und der jungen SPÖ macht sich keine der Parlamentsparteien für eine Dope-Freigabe stark. Nicht einmal die Neos, bei denen man den liberalen Denkansatz am ehesten vermuten würde.

Homegrowing-Boom

Dafür hat die Konsumentenszene längst Tatsachen geschaffen. Sie dürfte sich überwiegend selbst versorgen. Derzeit gehen jeden Monat (!) rund 300.000 Stecklinge über die Ladentische oder werden im Online-Versand zugestellt, wie inoffizielle, aber sehr plausible Schätzungen ergeben. Das macht bei einem Preis von etwa 10 Euro pro Pflänzchen einen Umsatz von 36 Millionen jährlich aus. Einer der größten der Branche ist ­Alexander Kristen von ­„Flowery Field“. Seine Firma, die in Brunn am Gebirge eine große Indoor-Zuchtanlage betreibt, verkauft nach ­eigenen Angaben jede Woche etwa 25.000 Stecklinge.

Grauzone

Der studierte Jurist nutzt eine legistische Grauzone aus. Der Gesetzgeber stellt nämlich nur die Gewinnung der berauschenden Blüten unter Strafe. Solange der Züchter die Pflanzen vor ihrer finalen Wachstumsphase verkauft und Hinweise auf eine Nutzbarkeit als Droge tunlichst unterlässt, ist alles in Butter. Dass sich natürlich kein Mensch einen Topf mit Cannabis Sativa ins Wohnzimmer stellt, um bloß deren Schönheit zu bewundern – darüber macht sich auch der Staat keine großen Illusionen. Aber die Alternative wäre es, eine alte Kulturpflanze mit Stumpf und Stiel zu verbieten, was nun auch wieder unverhältnismäßig wäre.

Das Arzneimittel

Und eine Kulturpflanze ist der Hanf allemal. Und seit Jahrtausenden auch eine Arznei. Der Nutzwert als Medikament wird derzeit wiederentdeckt und ist Gegenstand intensiver Forschung. In mehr als einem Dutzend Ländern der Welt plus der Hälfte der Bundesstaaten der USA ist der Einsatz für medizinische Zwecke erlaubt. In den USA wurden zahlreiche Start-ups für Produktion und Vertrieb von Cannabis-Medikamenten gegründet. An der Wall Street gilt „Cannabusiness“ als „Emerging market“, als große Chance für Anleger.

Deutscher Riesenmarkt

Ende 2016 hat der deutsche Bundestag ein Gesetz beschlossen, das den Verkauf von „Medizinalhanf“ auf ­Rezept ermöglicht. Weil dieser Medikamentenmarkt der zweitstärkste der Welt ist, war auch gleich so mancher österreichischer Stecklingsproduzent in höchster Aufregung. Etwa der Unternehmer ­Roland Birner, der im grenz­nahen Salzburg seine Firma „plants4friends“ betreibt. ­Birner hat sich bei der Ausschreibung der deutschen Cannabis-Agentur dann auch als Lieferant beworben.

Staatsmonopol

Obwohl Cannabis-Produkte seit 2015 auch in Österreich von ­Ärzten verschrieben werden, darf Birner hier keinen Medizinalhanf kultivieren. Es gibt nämlich ein staatliches Monopol auf dessen Anbau. Und das hat die Agentur für Ernährungssicherheit (Ages), die in Wien-Donaustadt eine schwer gesicherte Indoor-Plantage betreibt. Die Ages schickt die getrock­neten Blüten nach Deutschland, wo eine Firma daraus Medikamente herstellt und zurückschickt. Diese werden dadurch verdammt teuer (zum Beispiel kann eine Monatsration für einen Schmerzpatienten schon mal 600 Euro kosten), was wiederum die Bereitschaft der Kassen, die Kosten zu übernehmen, nicht gerade fördert.

Sehr kompliziert

Man sieht – die Gesetzeslage zum Thema Cannabis ist in Österreich kompliziert und widersprüchlich. Einerseits ist und bleibt der Selbstanbau ver­boten, andererseits wird er durch Zudrücken beider Augen geradezu gefördert. Zwar dürfen Cannabis-Medikamente verschrieben werden, aber herstellen darf man das Rohmaterial nicht. Zwar führt der Besitz von Kleinmengen der Droge seit 2016 nicht mehr automatisch zu einer Anzeige, aber gehörigen Ärger mit der Gesundheitsbehörde handelt man sich doch ein – bis hin zu Führerscheinentzug. Übrigens bietet der Markt schon längst eine Hilfestellung für die Urintests beim Amtsarzt an. So lässt sich garantiert THC-negativer, synthetischer Urin im Internet bestellen. Und wer ganz auf Nummer sicher gehen will, ordert gleich einen Fake-­Penis oder einen Spezialslip mit. Selbstverständlich fehlt auch der Hinweis „darf nicht für Drogentests verwendet werden“ nicht. Alles klar?

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