Männer werden im Schnitt 79 und Frauen durchschnittlich 84 Jahre alt Foto: papa42/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Nicole W. (55) fühlte sich nicht wohl. Ihr war schlecht, der Rücken schmerzte. Als sie ihre Hausärztin aufsuchte und außerdem über Atemnot und Kreislaufbeschwerden klagte, zog diese sofort einen Herz­infarkt in Betracht – obwohl von Brustschmerzen keine Rede war. Ein EKG bestätigte den Verdacht: akuter Hinterwandinfarkt.

Lebensretter Gender

Jahrelang haben wir uns dagegen gewehrt, dass Männer und Frauen total unterschiedlich seien. Das Wissen um den Unterschied hat Nicole das Leben gerettet. Mittlerweile ist daraus eine eigene Forschungsdisziplin geworden. "Kultur, Lebensstil und psychosoziale Faktoren beeinflussen die Gesundheit wesentlich, ebenso konstruierte Genderrollen. Gesundheit und Krankheit sind geschlechtsabhängig ein Mix aus all diesen Faktoren", sagt Prof. Alexandra Kautzky-Willer. Die ­Expertin für Endokrinologie (Hormonlehre) und Stoffwechsel ist Leiterin des Wiener Instituts für Gender Medicine. Geforscht wird hier über Prävention, Diagnostik und Therapie mit Hinblick auf das Geschlecht. Kautzky-­Willer ist überzeugt: "Wir haben für die Gendermedizin als Wissenschaft Pionierarbeit geleistet."

Medizin für Männer

Bis vor einigen Jahren hat sich die Frage, ob sich Erkenntnisse über Krankheitsbilder oder Medikamentenwirkungen bei Männern eins zu eins auf Frauen übertragen lassen, nicht gestellt. Es gab eine Norm und die hieß "Mann". In Tierversuchen wurden männliche Tiere eingesetzt, in klinischen Studien männliche Probanden. Der Grund: Der komplexe Zyklus von Frauen und weiblichen Versuchstieren führt zu einer zu großen Schwankungsbreite von Ergebnissen. Nichtdestotrotz richten sich die solcherart erforschten Medikamente an Männer und Frauen gleichermaßen – in der gleichen Dosierung, mit dem gleichen Beipackzettel, zur gleichen Therapie.

Weibliche Wirkung

Das Ergebnis: Frauen sind um bis zu 70 Prozent häufiger von Nebenwirkungen betroffen, etwa bei Diabetesmedi­kamenten, Blutdruck- oder ­Lipidsenkern und Gerinnungshemmern – ebenso bei Schmerz- oder Schlafmitteln. Eines Tages sollen die spezifischen Nebenwirkungen zumindest ihren Eingang in die Packungsbeilage finden. "Bis dorthin ist es aber noch ein langer Weg", bestätigt Kautzky-Willer. Das große Ziel ist die Individualmedizin. Testgruppen müssten sich hierzu aus Frauen und Männern, Jungen und Alten gleicher­maßen zusammensetzen. Erst so ließe sich herausfinden, welche Therapie und welcher Wirkstoff wem am wirksamsten hilft.

Simple Symptome?

Nicht nur Medikamente wirken bei Männern und Frauen verschieden, auch diverse Krankheiten äußern sich geschlechtsabhängig. Wie Ni­cole am eigenen Leib erfahren musste, etwa bei einem Herzinfarkt. Auch wenn Männer deutlich öfter davon betroffen sind, ist die Akutsterblichkeit bei Frauen hier zwei- bis dreimal höher. Bei Männern inkludieren die Symptome massive Druckschmerzen in der linken Brust, die in den Arm ausstrahlen. Frauen weisen deutlich unspezifischere Beschwerden wie Übelkeit oder Schmerzen im Kiefer oder im Rücken auf. Umgekehrt können ähnliche Symptomatiken bei beiden Geschlechtern aus verschiedenen Ursachen entstehen. Altersdemenz etwa basiert bei Frauen deutlich ­öfter auf einer Alzheimer­erkrankung, bei Männern auf einer Durchblutungsstörung des Gehirns. Und auch in der Diagnostik profitieren Männer und Frauen von differenzierten Zugängen. Im Fall von Diabetes ist bei Frauen die Zuckermessung zwei Stunden nach Essenseinnahme aufschlussreicher, während eine Gefährdung bei Männern öfter über die Nüchternwerte erkannt wird.

Medizin von morgen

"Wir brauchen national und international mehr Forschungsförderung in diesem Bereich und mehr WissenschaftlerInnen und KlinikerInnen aller Disziplinen, die hier weiterführend tätig sind", sagt Kautzky-­Willer. "Der Weg stimmt, aber es geht leider sehr langsam." Für die Zukunft hat sie einen Wunsch: Die Gendermedizin müsse Teil jedes medizinischen Fachgebiets sein – als Brücke zur persona­lisierten, individualisierten Medizin von morgen.

Todesursachen bei Frauen & Männern

Bösartige Neubildungen
Frauen: 27 %
Männer: 22 %

Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems
Frauen: 42 %
Männer: 35 %

Krankheiten der Atmungsorgane
Frauen: 3 %
Männer: 4 %

Sonstige Krankheiten
Frauen: 23 %
Männer: 20 %

Verletzungen und Vergiftungen
Frauen: 4 %
Männer 7 %

Medikamentenkonsum bei Frauen und Männern

Verschreibungspflichtig
Frauen: 54,6 %
Männer: 43,5 %

Nicht verschreibungspflichtig
Frauen: 40 %
Männer: 28 %

Short Talk

Univ.Prof.in Dr.in Alexandra Kautzky-Willer, Leiterin Gender Medicine Unit

Weekend: Welche medizinisch relevanten Unterschiede gibt es zwischen den Geschlechtern?

Alexandra Kautzky-Willer: Einerseits gibt es körperliche, genetische und hormonelle Unterschiede, aber auch Umwelteinflüsse spielen eine Rolle, die z. B. auch über die Epigenetik die Biologie beeinflussen und zu unterschied­lichen Krankheitsrisiken und Phänotypen führen können.

Weekend: Sind Frauen im Gesundheitssystem benachteiligt?

Alexandra Kautzky-Willer: Nein, Zugang zum Gesundheitssystem haben alle. Benachteiligungen sind aber international bei Medikamentenstudien vorhanden. Frauen werden nicht dem Anteil der von der Krankheit Betroffenen entsprechend eingeschlossen. Auch der bei Frauen im Lebenszyklus wechselnde Hormonstatus wird nicht beachtet.

Weekend: Reagieren Frauen denn anders auf Medikamente?

Alexandra Kautzky-Willer: Frauen haben um circa 70 Prozent mehr Neben­wirkungen. Das ist zum Teil durch unpassende Dosierungen bedingt, zum Teil durch unterschiedliche Effekte. Einen großen Einfluss haben auch die Sexualhormone. Leider sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede meist nicht in der Packungsbeilage erwähnt. Das ist noch ein langer Weg, auch in der Forschung.