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Die digitale Welt gehört in Österreichs Unternehmen und Haushalten zum Alltag. Das Web wird bereits zu beinahe hundert Prozent für Kaufentscheidungen genutzt. Durch die technologischen Entwicklungen, die immer rasanter voranschreiten, haben sowohl die Gesellschaft als auch das Geschäftsleben gewaltige Veränderungen erfahren. Doch kein Vorteil ohne Nachteil: Die Wirtschaft wird Schritt für Schritt ins Netz verlagert und dies lässt die Cyberkriminalität stark steigen. Alleine im Jahr 2015 entstand weltweit ein volkswirtschaftlicher Schaden von ca. 500 Milliarden Euro. 2016 gab es in Österreich einen Gesamtanstieg an Internetbetrug-Anzeigen um 30,9 Prozent. In Zahlen: Im Jahr 2015 waren es 10.010, 2016 bereits 13.103 Anzeigen. Die tatsächliche Ziffer der Cyberangriffe ist dabei wesentlicher höher. Die Dunkelziffer liegt in Österreich bei 25.000 Cyberattacken täglich. Im engeren Sinne ergeben die gemeldeten Tatbestände von Cybercrime österreichweit einen 55,1 prozentigen Anstieg von 1.696 im Jahr 2015 auf 2.630 im Jahr 2016 angezeigte Fälle. Alleine im Bundesland Tirol sind die Cyber-Delikte im Jahr 2016 auf 1021 gemeldete Fälle angestiegen, das ist ein Plus von 20,4 Prozent gegenüber 2015.

Die Kriminalität im Netz betrifft zwei Bereiche: Unter Cybercrime im engeren Sinne versteht man Straftaten, die an IT-System oder Daten begangen werden. Ein weiterer Bereich betrifft Kommunikationsplattformen und Betrugsdelikte im Tatort Internet.

Die Kriminalität im WWW ist ein lukratives Geschäft. Derzeit werden ganze Unternehmen gegründet und Mitarbeiter angestellt. Ein arbeitsteiliges Geschäftsmodell: Eine Gruppe programmiert den Schadcode, Spezialisten kümmern sich um die virale Verbreitung und eine weitere Gruppe treibt als Inkassobüro das Geld ein. Das System sei hochorganisiert, sagt Christoph Holz, Fachgruppenleiter der Sektion Buchhaltung und IT der Wirtschaftskammer Tirol. „Mittlerweile gibt es sogar kriminelle Organisationen mit eigenen CEO´s an der Spitze. Der CFO (Anmerkung: Finanzvorstand) übernimmt die Geldwäsche. Die einfachen Hacker, die mitarbeiten, bekommen einen Gehalt“, beschreibt Holz das System.

Zeit ist Geld

Ein beliebtes Werkzeug im Cybercrime ist der Spionage-Virus, der ganze Systeme blockieren kann. Christoph Holz schildert: „Die Daten werden verschlüsselt und erst, wenn man das Lösegeld bezahlt, erhält man das richtige Passwort, um die Daten zurückzubekommen.“ Jede Schwachstelle weltweit wird tausende Male genützt, hier fließt in kürzester Zeit viel Geld. „Wenn sich der Erstbetroffene sofort melden würde, könnte man den Kreislauf sofort unterbrechen“, motiviert Holz zu mehr Bewusstsein.

Einer für alle

Besonders anschauliches Beispiel: der WannaCry-Virus. „Der Schaden geht in die Milliarden. 200.000 Computer wurden weltweit infiziert. Viele Krankenhäuser mussten Operation absagen und Patienten abweisen, weil nichts mehr funktionierte“, so Holz. Mit dem Erpresservirus WannaCry hätten die Hacker in nur wenigen Stunden 94.000 Dollar verdient. Dies wäre zu verhindern gewesen. „Wir haben so viel Fortschritt gehabt und nicht auf die Sicherheit geachtet. Opfer von Cyberattacken zu werden ist kein technisches Problem, sondern ein organisatorisches“, schildert Holz, und ergänzt: „Die IT-Security ist seit vielen Jahren ausgereift.“ Wer seinen eigenen Schaden nicht meldet, ist verantwortlich für alle Folgeschäden an weiteren Unternehmen. „Sobald die Attacke sichtbar wird, können wir auch sofort alle anderen immunisieren“, so der Fachmann. Ein besonders mutiges Positivbeispiel kommt übrigens aus Tirol. Ein aufmerksamer Hotelier meldete einen Internetangriff besonders schnell und konnte somit Betriebsunterbrechungen für ganze Hotelketten und viele weitere Unternehmen verhindern.

TÜV aus Tirol

Tirol spielt weltweit eine große Rolle im Bereich IT-Sicherheitsnetz. Der Fachgruppenleiter klärt auf: „In Tirol gibt es eines der Hochsicherheitsgefängnisse für Computerviren. Hier werden Viren eingefangen. Die Firma AV-Comparatives ist quasi ein TÜV-Unternehmen für Virenabwehr. Sie sitzt im Osten von Innsbruck und ist eines von insgesamt nur drei Unternehmen weltweit“, beschreibt Holz. Dies beeindrucke große Köpfe der Branche, wie Holz vermelden kann: „Der Chef von Microsoft war in Innsbruck um das Labor zu begutachten und auch die Chefs der größten Virenhersteller der Welt kommen regelmäßig in Innsbruck vorbei.“ Mittlerweile seien es unzählige Computer auf der ganzen Welt, die von Firewalls made in Tirol geschützt werden. Dahinter steckt die Innsbrucker Firma Barracuda Networks AG, ein namhaftes Unternehmen in der globalen IT-Branche.

Eine IT-Sicherheits-Expertengruppe der Wirtschaftskammer Tirol, die sich regelmäßig updatet, hilft Unternehmen beim Wahrnehmen und Sichern der Schwachstellen. „Ein Experte versucht in das IT-System einzudringen und identifiziert auf diese Weise Lücken, die dann geschlossen werden können“, so Holz. „Jeder technische Fortschritt bringt auch Angriffsflächen.“ Weshalb eine regelmäßige Überprüfung durch einen Experten dringend zu empfehlen ist – nicht nur für Geschäftsunternehmen.

Private Computer sollten unbedingt über einen Virenschutz verfügen, der laufend upgedatet werden soll. Außerdem müssen Passwörter immer wieder geändert werden. Der Experte empfiehlt zudem, keinesfalls verdächtige Mails zu öffnen. Skepsis sei durchaus angebracht: „Der Neffentrick wird auch im Internet versucht.“ Und funktioniert nicht selten.