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Weekend: Herr Muchitsch, wie würden Sie die Stimmung in Ihrem Wahlkreis eine Woche vor der Wahl beschreiben?
Josef Muchitsch: Die Stimmung ist mir gegenüber sehr positiv. Mein Bekanntheitsgrad liegt bei über 80 Prozent, die Beliebheitswerte sind mit über 60 Prozent höher als zuletzt – aber: Trotz dieser tollen persönlichen Werte sind wir laut aktueller Umfrage in unserem Wahlkreis nicht Erster oder Zweiter, sondern Dritter. Und mit diesem dritten Platz ist das Mandat weg und der Muchitsch draußen.

Weekend: Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Josef Muchitsch: Naja, ich kann halt mit Themen Politik machen oder mit Angst – und egal, um was es geht, von Sebastian Kurz höre ich nur drei Wörter: Ausländer, Flüchtlinge, Zuwanderung. Bei jedem Thema wird das reingebracht. Dabei muss man sich einmal vor Augen führen: Sämtliche Leistungen für Flüchtlinge machen genau 0,4 Prozent des Sozialbudgets des Staates Österreich aus. Diese 0,4 Prozent mit obigen drei Wörtern bestimmen den Wahlkampf.

 

„Im direkten Duell wirkt Kurz unsicher und da geht klar hervor, dass die Erfahrung nicht da ist, dieses Land zu führen.“

 

Weekend: Die Umfragen geben der ÖVP aber offenbar Recht und im Gegensatz dazu hat sich die SPÖ im Wahlkampf ja nicht wirklich mit Ruhm bekleckert – wie haben Sie das erlebt?
Josef Muchitsch: Ich bin seit 1989 bei der SPÖ, aber derartig viele Pannen und Eigentore habe ich noch nicht erlebt – das tut als Mitstreiter natürlich umso mehr weh. Jetzt hast du mit dem Christian Kern einen Spitzenkandidaten, der für österreichische Verhältnisse eigentlich ein Ronaldo ist und dann spielt die eigene Mannschaft derartig gegen das System und macht durch Eigenfehler unbewusste Fouls. Das war für den Start natürlich alles andere als positiv. Also die erste Halbzeit haben wir selbst total vergeigt – da hat der politische Gegner gar nichts tun müssen.

Weekend: Was ist aber jetzt noch drin?
Josef Muchitsch: Abgepfiffen wird am Schluss – entscheiden tut der Schiedsrichter und das sind die Wähler. Wir merken schon eines: Den Sebastian Kurz haben sie ja lange sehr gut versteckt, jetzt muss er sich aber auch endlich öffentlich zu innenpolitischen Themen äußern – in der direkten Konfrontation. Und in diesem Fight, Mann gegen Mann, mit den politischen Mitbewerbern, wirkt er sehr unsicher und da geht ganz klar hervor, dass die Erfahrung nicht da ist, dieses Land zu führen – das gibt natürlich die Hoffnung, dass wir bis zum Schlusspfiff noch das eine oder andere Tor machen und am Ende doch als überraschender Sieg vom Feld gehen.

Weekend: Kommen wir zu Ihrer Funktion als Gewerkschaftsboss – die Gewerkschaft Bau-Holz feiert heuer ihr 150-jähriges Jubiläum. Provokant gefragt: Braucht’s heute überhaupt noch eine Gewerkschaft?
Josef Muchitsch: Wir haben in 150 Jahren zweifellos viel geschafft – wenn ich etwa daran denke, wie Arbeiter damals als Tagelöhner, ohne irgendeine soziale Absicherung missbraucht worden sind … Aber wir sind sicher noch nicht am Ziel – weil es auch in Zukunft viele Herausforderungen geben wird. Darum ist es umso wichtiger, dass es Gewerkschaften gibt. Gewerkschaften sind in einer friedlichen Gesellschaft der Garant, dass es den sozialen Frieden gibt

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Weekend: Dass Ihnen die Arbeit nicht ausgeht, sieht man an der Diskussion über die Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten …
Josef Muchitsch: Es ist ja wirklich ein Wahnsinn, dass es seit Entstehen des Angestelltengesetzes im Jahr 1921, wie heute, was Ansprüche betrifft, noch immer Unterschiede zwischen Arbeitern und Angestellten haben. Beide leisten jeden Tag viel für unser Land und sind die größten Steuerzahler für den Finanzminister. Und trotzdem gibt es unterschiedliche Ansprüche im Krankenentgeld, bei Dienstverhinderungsgründen und bei Kündigungsfristen. Es ist höchste Zeit, dieses offene Buch einmal zuschlagen zu können.

Weekend: Für wie realistisch halten Sie das in der nächsten Legislaturperiode?
Josef Muchitsch: Wir werden alles daran setzen, dass wir das noch in dieser Periode über die Bühne bringen. Am 12. Oktober werden wir den Antrag im Parlament einbringen – und hoffen, dass alle Parteien auch endlich mitziehen und ihren Absichtserklärungen dann auch Taten folgen lassen.

Weekend: Vor dem Sommer wurde in Spielfeld ein Beratungszentrum für Arbeitnehmer aus dem Ausland installiert – was kann man sich darunter vorstellen?
Josef Muchitsch: Die Idee hinter diesem Beratungszentrum ist jene, dass wir dort über die slowenischen Arbeiter Informationen bekommen, wo sie arbeiten, wann sie arbeiten und unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Und wir sind mit dieser Beratungsstelle direkt mit der Finanzpolizei und SOKO Bau bis hin zur GKK verbunden – können also bei Vergehen sofort eingreifen. Die slowenischen Arbeiter, die über österreichische Vermittler in die Steiermark transferiert werden, werden eben eindeutig übers Ohr gehauen – sie werden nicht entsprechend entlohnt, werden falsch angemeldet und bringen damit steirische Firmen unter Druck.

Weekend: Wie wird das bisher genutzt?
Josef Muchitsch: Wir haben seit Juni einen Zulauf von 545 Beratungen, also Meldungen – und das ist schon gewaltig. Wir haben jetzt auch eine slowenische Mitarbeiterin angestellt und die Homepage www.faire-arbeit.at wird es bald auch auf Slowenisch geben.

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