Klimawandel: Es ist fünf vor zwölf Foto: Renato Arap/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

In Brasilien brennt der Amazonas, die grüne Lunge der Welt. Auf Island ist offiziell der erste Gletscher für tot erklärt worden. Ganz zu schweigen von Hitzewellen, Dürren, Starkregen und Hochwasser, deren Häufigkeit bereits stark zunimmt. Die Bedrohung durch den Klimawandel und der Raubbau an Rssourcen sind allgegenwärtig. Fakt ist: Die UN-Klimakonferenz hat sich das Ziel gesetzt, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Dafür dürfen global nur noch rund 350 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre gebracht werden. Beim aktuellen Verbrauch ist dieses CO2-Budget bereits in rund acht Jahren erschöpft. Also was tun? Alleine das Pentagon emittiert pro Jahr rund 59 Millionen Tonnen Treibhausgase - mehr als Schweden oder Portugal. Wir haben uns auf die Suche nach Antworten gemacht.

1. Darf ich noch fliegen?

Der globale Flugverkehr ist für circa 2 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich, was rund 12 Prozent der Verkehrsemissionen entspricht. Beim Fliegen tragen neben der Kerosinverbrennung auch die dabei entstehenden Kondensstreifen zur Erderwärmung bei. Ein Langstreckenflug verbraucht ähnlich viel CO2 wie ein Durchschnittseuropäer im gesamten Jahr.

2. Ist das Auto künftig tabu?

Ab 2025 werden in Norwegen keine Neuwagen mit Verbrennungsmotor mehr zugelassen. Experten gehen davon aus, dass auch andernorts bald zumindest Städte zwangsläufig zu autofreien Zonen werden. Der Grund: Jeder Kilometer mit einem herkömmlichen Auto führt zu einem viermal höheren CO2-Verbrauch als ein Öffi-Bus, im Vergleich zum Zug sind es 15 Mal so viel. Und Elektroautos? Gemessen an der Gesamtlebensdauer ist der CO2-Fußabdruck trotz Batterie deutlich besser. Auch Carsharing oder die Brennstoffzelle sind spannende Trends für die Zukunft.

3. Wer sind die Klimasünder?

Die EU-Länder haben 2017 "nur" ein Zehntel der insgesamt 350.000 Megatonnen CO2 verantwortet. Fast die Hälfte der weltweiten CO2-Emissionen geht auf das Konto der drei größten CO2-Verursacher Indien, USA und China. Die fast 10.000 Megatonnen CO2 aus China machen 27 Prozent der globalen menschengemachten CO2-Emissionen aus. Anders als bei der EU, die ihre Emissionen seit 1990 von ca. 4.500 auf 3.500 Megatonnen gesenkt hat, ist der Trend in China gegenläufig. Wirtschaftswachstum und steigende Bevölkerungszahlen haben zu einem Anstieg der Emissionen von 2.420 auf 9.839 Megatonnen seit 1990 geführt - eine Zunahme von rund 300 Prozent.

4. Sind unsere Gletscher tot?

Bis 2050 werden die Alpengletscher durch die Erderwärmung die Hälfte ihrer Masse verlieren. Steigen die Temperaturen bis 2100 nicht um 1,5, sondern um fünf Grad Celsius, werden sie sogar fast vollständig verschwinden, das belegt eine Studie der ETH Zürich. Schon jetzt verlieren die Gletscher weltweit pro Jahr rund 335 Milliarden Tonnen Eis.

5. Wo steht Österreich?

Der Entwurf für den nationalen Energie- und Klimaplan liegt vor - und kann bis Jahresende noch nachgebessert werden, bevor er an die Europäische Kommission übermittelt wird. Österreich hat sich verpflichtet, bis 2030 die Stromproduktion zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umzustellen und 36 Prozent der Treibhausgase gegenüber 2005 einzusparen. Und was sagt der Experte? Für Klimaforscher Gottfried Kirchengast ist das zu wenig: "In Sachen Klimapolitik ist Österreich in der EU im Schlussfeld. Ein Flickwerk an Einzelmaßnahmen bringt nicht den großen Wandel. Was es braucht, ist z.B. eine ökosoziale Steuerreform, die zugleich Menschen mit niedrigen Einkommen entlastet. Ansonsten entsteht allein auf zehn Jahre (bis 2030) gerechnet ein Schaden von 30 bis 40 Milliarden Euro für die öffentliche Hand." Zur Info: Bereits jetzt schlagen die klimabedingten Schäden in Österreich mit einer Milliarde Euro pro Jahr zu Buche.

6. Ist das Plastiksackerl schuld?

Ja! Kunststoffe werden aus Öl und Gas gewonnen. Laut Schätzungen der Internationalen Energieagentur IEA wird deren Herstellung bis zum Jahr 2050 die Hälfte des Wachstums der globalen Öl-Nachfrage ausmachen. Zur Veranschaulichung: Die weltweite Plastikproduktion ist von zwei Millionen Tonnen im Jahr 1950 auf jährlich über 400 Millionen Tonnen gestiegen. In den vergangenen 20 Jahren hat sie sich fast verdoppelt. Kunststoffe und deren Entsorgung verbrauchen zwischen 10 und 13 Prozent des gesamten CO2-Budgets, das wir einhalten müssen, um die 1,5-Grad-Zielmarke zu erreichen.

7. Was dürfen wir noch essen?

Unsere Ernährung ist für den Ausstoß von 20 Prozent der Treibhausgase verantwortlich. Martin Schlatzer vom Zentrum für globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der Universität für Bodenkultur in Wien rät daher: "Sie sollten zumindest vegetarische Tage in ihren Alltag einbauen, auf exotische Früchte verzichten, ebenso wie auf geflogenes Obst (Winter). Auch Tiefkühlgemüse und Gemüse aus dem Glashaus benötigt viel Energie, bis es am Teller landet. Am besten bio, regional und saisonal einkaufen und mehr pflanzliche Lebensmittel als tierische konsumieren. Diese Grundsätze sind übrigens nicht nur für unser Klima, sondern auch für unsere Gesundheit gut."

8. Ist das Internet ein Klimakiller?

Das Internet verursacht weltweit den gleichen Stromverbrauch wie die größten stromfressenden Länder der Welt. Alleine die Google-Serverfarmen verbrauchen im Jahr 260 Millionen Watt. Vor allem Videostreaming benötigt massiv Strom - bis 2020 soll Streamen 80 Prozent der Internetnutzung ausmachen. Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe hat zudem errechnet, dass der Energiebedarf von Rechenzentren in Deutschland gleich viele Emissionen erzeugt wie der Flugverkehr. Also am besten die Internetnutzung drosseln.

9. Ist Fleisch tabu?

Laut Welternährungsorganisation FAO werden 40 Prozent der Weltgetreideernte und 90 Prozent der Weltsojaernte an Tiere verfüttert. Essen die Österreicher nur um ein Fünftel weniger Fleisch, könnte man auf Importe verzichten, und der verringerte Futtermittelbedarf würde eine Ackerfläche von knapp 200.000 Hektar frei machen - das entspricht rund der halben Fläche des Burgenlandes. Dort könnten dann Lebensmittel, kein Tierfutter, angebaut werden.

Short Talk

Gottfried Kirchengast, Leiter des Wegener Centers für Klima und Globalen Wandel an der Uni Graz

Weekend: Was bringt es, wenn wir Österreicher uns anstrengen?

Gottfried Kirchengast: Pro Person sind wir für zwölf Tonnen CO2 pro Jahr verantwortlich - etwa das Doppelte eines Chinesen. Anders gesagt: Wir sind rund ein Promille der Weltbevölkerung, verursachen aber rund drei Promille des CO2. Wir sind also mehr als mitverantwortlich auch für den Bruchteil der Klimaschäden, die uns betreffen. Wir müssen daher Teil der Lösung sein - die Klimaerwärmung kann ja nur gestoppt werden, wenn alle gemeinsam keine Emissionen mehr erzeugen.

Weekend: Was können wir beitragen?

Gottfried Kirchengast: Die Menschen sind bereit, ihren Teil zu leisten. Veränderungen fallen uns aber prinzipiell schwer und sind mühsam. Nur jede Siebte wird im Schnitt selbst aktiv und hält durch. Was nötig ist, sind klare gesetzliche Rahmenbedingungen, die für alle gelten.

Weekend: Wie realistisch ist es, dass wir die Klimaziele erreichen?

Gottfried Kirchengast: Klimawandel findet real statt - also müssen und wollen wir uns von den Emissionen befreien. Die Klimazielerreichung ist alternativlos notwendig.