Foto: IV OÖ/Eric Krügl

Diese Krise ist zuallererst eine Gesundheitskrise, die sich nach und nach auf die Wirtschaft ausgeweitet hat. Kommen die Maßnahmen der Bundesregierung bei der Industrie an?

Haindl-Grutsch: Definitiv ja. Das Paket der Bundesregierung ist ein sehr gutes. Österreich hat früher reagiert als andere Länder und hat daher eine weniger schlechte Situation als Italien, Spanien oder Frankreich. Vor allem das Kurzarbeitsmodell ist praktikabel und wird entsprechend genutzt.

Wie schätzen Sie die Lage der Industriebetriebe ein?

Haindl-Grutsch: Die Situation in der Industrie ist sehr unterschiedlich. Wir haben viele Firmen, die noch vernünftig produzieren können und ausgelastet sind. Dazu zählen Branchen wie Papier und Verpackung, Lebensmittel, Elektronik oder Chemie und Kunststoff. Auf der anderen Seite sind die Bereiche Fahrzeugindustrie, Maschinenbau oder Unternehmen mit europäischen beziehungsweise globalen Lieferketten: Sie spüren die Krise massiver und setzen inzwischen auf Kurzarbeit. Damit ist ein gewisser Schutzschild gegen Arbeitslosigkeit vorhanden.

Weekend: Wie rasch kann es nach der Krise wieder aufwärts gehen?

Haindl-Grutsch: Das weiß keiner. Für einen schnellen Restart spricht, dass Maßnahmen von der Politik getroffen wurden, um Unternehmen aufzufangen und massenweise Insolvenzen zu verhindern. Auch die Nachfrage durch den Konsumenten wird wieder anspringen. Man sieht auch in China, dass Fabriken bereits wieder mit guter Auslastung produzieren können. Dagegen spricht, dass manche Länder insbesondere in Europa später dran sind und stärker betroffen sind. Auch in den USA zeichnen sich schwere Verwerfungen ab. Ein österreichischer Exportbetrieb, der von globalen Lieferketten abhängig ist, kann daher länger von der Krise betroffen sein.

Weekend: Die deutsche „Bild“-Zeitung titelt: „Sind Löschmaßnahmen verheerender als der Corona-Brand?“ Eine schwierige Abwägung für die Politik, oder?

Haindl-Grutsch: Die Erfahrung der letzten Tage zeigt, dass das Virus so aggressiv in seiner Ansteckung ist, dass sich keine Volkswirtschaft der Welt – schon gar nicht Demokratien – es sich erlauben können, einfach weiterzumachen. Deshalb muss alles getan werden, um das Virus einzudämmen. Dann müssen kluge, schrittweise Wiederöffnungen eingeleitet werden. Das heißt: Die Schutzmaßnahmen zurückfahren auf die echten Risikogruppen, oder Schutzmaßnahmen in den Betrieben zu organisieren. Mit so einem Paket kann eine gewisse neue Normalität wiederhergestellt werden. Eine alte Normalität werden wir lange nicht sehen. Aber eine neue Normalität muss bald kommen, denn einen monatelangen Shutdown hält die Welt nicht aus.

Weekend: Viele fragen sich: Wo bleibt die EU in dieser historischen Krise? Welche europäischen Maßnahmen braucht es jetzt?

Haindl-Grutsch: Wirklich ausgezeichnet haben sich die europäischen Institutionen im ersten Moment nicht gerade, was ein rasches Reagieren auf die Krise betrifft. Die europäische Solidarität ist nun extrem gefordert. Um nicht nationale Egoismen aufkommen zu lassen, braucht es eine möglichst rasche Aufhebung der Grenzsperren, um freien Güter- und Personenverkehr zu ermöglichen. Die wichtigste Aufgabe der EU ist es, diese Grundfreiheiten wieder herzustellen. Und sie muss sich fragen, ob nicht wichtige Produktionsbranchen wie Pharma oder Medizintechnik, die in Europa kaum noch eine Rolle spielen, nicht wieder rückgeführt werden müssen.

Zahl zum Text:

2,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) wird nach aktueller Prognose des WIFO die Wirtschaftsleistung schrumpfen. Damit rutscht Österreich in eine Rezession mit stark steigender Arbeitslosenzahl. Diese dürfte auf Jahressicht  8,4 Prozent betragen.