Luftverschmutzung: Was ist Mythos, was Realität? Foto: Jun/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Die Deutsche Umwelthilfe reitet erneut zum unheiligen Kreuzzug gegen die Autoindustrie aus. Es sollen jährlich rund 12.000 Menschen allein an Dieselabgasen sterben. Verpackt wird die drastische Message in einen dramatischen Videoclip. Ins selbe Horn bläst der "International Council on Clean Transportation" (ICC) und meint, es seien 13.000 Deutsche, die durch Autoabgase jährlich dahingerafft würden. Die Horrormeldungen haben aber einen gewaltigen Haken. Sie stimmen nämlich nicht. Trotzdem wird mit solch reißerischen Meldungen eine ganze Branche in Aufruhr versetzt und deren Kunden werden stark verunsichert.

Fake News

Niemand stirbt nachweislich an Autoabgasen, es sei denn, er bringt sich absichtlich damit um. Die angenommenen 13.000 Emissionstoten sind ein Teil jener Menschen, die normalerweise aus den verschiedensten Gründen sterben, bevor sie ihre statistische Lebenserwartung erreichen. Das ICC nimmt an, dass ein Teil dieser zu frühen Todesfälle auf Luftverschmutzung zurückzuführen ist – das ist aber auch schon alles. Eine schlichte Hochrechnung, die als Tatsache dargestellt wurde, damit sie plakativ herüberkommt.

Sündenbock Diesel

Worum geht’s eigentlich? Die Rede ist von Luftschadstoffen, die durch den Straßenverkehr entstehen. Normalerweise sind dies Schwefeldioxid (SO₂), Stickoxid (NOx) und der von Medizinern als besonders heimtückisch eingeschätzte Feinstaub. Indirekt durch den Skandal um gefälschte Abgaswerte und direkt durch die Diskussion um Fahrverbote in deutschen Städten entstand der Eindruck einer schleichenden Umweltkatastrophe. Der Diesel-Pkw, früher gelobt als besonders umweltfreundlich, gilt jetzt paradoxerweise als Dreckschleuder, dessen Abschaffung man gar nicht schnell genug angehen kann.

Feinstaub moderat

Doch auch hier gilt: Die Fakten geben nicht genug her, um den Notstand auszurufen. Nehmen wir etwa die Feinstaubbelastung, die heute in den meisten westeuropäischen Städten im relativ moderaten zweistelligen Mikrogrammbereich pro Kubikmeter Luft liegt. Wer wissen will, wie sich eine wirklich schmutzige, belastete Luft atmet, der fahre mal in Smog-Metropolen wie Lagos, Dehli oder Shijiazhuang. Dort werden Werte von mehreren Hundert Mikrogramm erreicht.

"Kat" & gute Filter

Ebenso ist Schwefeldioxid – in den 1970er-Jahren die Haupt­ursache für sauren Regen und Waldsterben – dank verbesserter Filtertechnik weitgehend aus der Luft verschwunden. Auch die Stickoxid­-Emissionen aus dem Verkehr sind in Österreich seit 1990 um 42 Prozent zurückgegangen, in Deutschland gar um 70 Prozent. Zu verdanken ist dieser Rückgang der Einführung des Katalysators beim Benzin-Pkw Mitte der 1980er-Jahre. Auch bei den LKW gab es viele Verbesserungen in der Abgastechnik.

60.000 Frachtschiffe

Der Kampf gegen die Luftverschmutzung durch Verkehr und Industrie war in den entwickelten Industrieländern durchaus erfolgreich. Am Festland zumindest, aber nicht auf den Meeren – dort sind bis heute die schlimmsten Dreckschleudern unterwegs. Warentransporte mit Containerschiffen gelten als klimafreundlich, weil sie im Vergleich zum LKW pro transportierter Tonne und Kilometer vergleichsweise wenig Kohlendioxid verursachen. Doch bezüglich Ausstoß von Schwefeloxiden, Stickoxiden, Feinstaub und Ruß übertrifft der Verkehr auf dem Meer denjenigen am Land bei Weitem. Überwiegend fahren die 60.000 Frachtschiffe, die 90 Prozent des globalen Handels abwickeln, nämlich noch immer mit Schweröl, dem schmutzigsten Treibstoff, den es gibt. 300 Tonnen pro Tag. Es sind gigantische Mengen, die verbraucht werden, so verfeuert ein mittelgroßes, voll beladenes Containerschiff 300 Tonnen Schweröl pro Tag und jagt dessen giftige Verbrennungsrückstände in die Luft. Schweröl, ein Raffinerie-Abfallprodukt, enthält 3.500 Mal so viel Schwefel wie Lkw-­Diesel. Man schätzt, dass der globale Schiffsverkehr mindestens für 13 Prozent der Schwefeldioxid- und für 15 Prozent der weltweiten Stickoxid-Emissionen verantwortlich ist.

Schluss mit Schweröl?

Ab dem kommenden Jahr soll endlich weltweit Schluss sein mit der hochgiftigen Raffineriepampe. Nach dem Beschluss der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) dürfen Schiffe auch auf hoher See dann nur noch Treibstoff mit einem Schwefelgehalt von 0,5 Prozent verbrennen oder müssen die Abgase entsprechend filtern. Es bleibt abzuwarten, wie schnell oder wie gründlich diese Maßnahmen von den Reedereien umgesetzt werden. Am umweltfreundlichsten wäre es, Frachter und Kreuzfahrtschiffe auf einen Antrieb mit dem relativ emissionsarmen Flüssiggas (LNG) umzustellen – was aber auch die teuerste Option ist. Die auch noch daran krankt, dass LNG in den Häfen noch kaum vorrätig ist.

Holzofen-Boom?

Doch jetzt zurück aufs Festland, wo eine Überraschung auf uns wartet. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der "Hausbrand" in Form von Holz­öfen immer mehr zur Belastung für Umwelt und Gesundheit wird? Früher eher die Heizform der Landbewohner und der armen Leute, flackert das gute alte Kaminfeuer heute beinahe wieder überall. Prasselnde Scheite im Sichtkamin oder im Kachelofen gelten als Inbegriff von Gemütlichkeit und sind ein Must-have für den ausgebauten Dachboden ebenso wie für das neue Energiesparhaus im Grünen.

Klimaneutral

Verheiztes Holz gilt im Unterschied zu Öl, Gas und Kohle als "klimaneutral" – doch was gut fürs Klima ist, muss nicht unbedingt gut für die Luft sein, das lernten wir schon am Beispiel der Seefahrt. Das Verbrennen von Holz setzt gesundheitsschädliche Ruß- und Fein­staubteilchen frei. 90 Prozent der Partikel, die bei der Holzverbrennung entstehen, sind kleiner als ein Mikrometer, was das Eindringen in Lunge und Blutbahn erleichtert. Bereits jetzt gelten Holzöfen in allen EU-Ländern als die größte Quelle von Feinstaub und Ruß. Dreck und Ruß. Schuld daran sind allerdings nicht Pelletsöfen mit Partikel­abscheider, sondern ältere Kaminöfen, die mit Holzscheiten befeuert werden und im Betrieb mehr als 100 Milligramm pro Kubikmeter ausstoßen. Veraltete Ofentechnik und falsche Bedienung werden im Jahr 2030 für 40 Prozent des Feinstaubs und 70 Prozent der Ruß-Emis­sionen in Europa verantwortlich sein, hat das renommierte Institut für Angewandte Systemanalyse in Wien errechnet.

Messpunkte an Straßen

Aber wie ist dieser triste Tatbestand mit der Erkenntnis zu vereinbaren, dass die Luft ja um so vieles sauberer geworden ist? Der Deutsche Meteorologe Jörg Kachelmann, der in letzter Zeit oft gegen die Holzöfen wettert, hat eine einfache Erklärung: "Fast alle Luftmessstationen stehen in der Nähe von extremen Straßen- oder Industriestandorten", dort sei der Feinstaub "signifikant verringert". An den neuen Brennpunkten, den Wohnvierteln, stehen keine Messstellen.