Vollbart allein reicht nicht: die Anforderungen an Männer sind hoch Foto: oneinchpunch/iStock/Thinkstock

Optisch erleben wir die männlichste ­Generation seit Langem: tätowierte Muskeln unter Holzfällerhemden, flankiert vom markanten Vollbart. Wer näher hinsieht, erkennt die sorgfältig manikürten Nägel an den perfekt gepflegten Händen. Exakt gezupfte Augenbrauen begleiten den aufs letzte Härchen modisch getrimmten Bart. Dabei ist das Äußere symptomatisch für die Ansprüche, denen es gerecht zu werden gilt. Das heutige Männerideal ist nämlich ein widersprüch­liches – eines, das Männer vor schier unlösbare Aufgaben stellt: Liebender Familienvater, aber unabhängiger Rebell, gewiefter Fünf-Sterne-Koch, aber pragmatischer Fertigpizzenmacho, mutiger Checker, aber ­softer Romantiker, verwegen und einfühlsam soll der Mann von heute sein. Das alles unter einen Hut zu bringen ist ein Ding der ­Unmöglichkeit. Auch was früher der Fluch der Frau war – körperbetonte Selbstoptimierung – hat die Männer längst erreicht. In acht Wochen zum Waschbrettbauch: fettarm, fleischreich und fitnessoptimiert. Zudem muss Mann gekonnt gekämmt, gestriegelt und ­on-point gekleidet sein.

Der Mann im Film

Früher war die Sache klar: Mann beschützt Frau, Frau liebt Mann, Mann rettet Welt. Dass Frauen dabei klischeehaft gezeichnet werden, ist kein Geheimnis und wird auch seit Jahren ausgiebig thematisiert. Aber auch Männer hat es nicht wesentlich besser getroffen. Im Idealfall ist der Held im Film ein veritabler Wunderwuzzi: liebevoller Vater, Romantiker, Topverdiener und Weltretter. Aber auch das genaue Gegenteil kommt häufig vor: der Loser. Eine Studie des Sozialministeriums hat sich mit dem Thema "Männer in Medien" beschäftigt. Sie hat herausgefunden, dass Männer etwa in deutschen Werbespots fast durchgehend als inkompetent dargestellt werden.

Der MacGyver-Test

Auch Autorin Nikita Coulombe und Psychologe Philip Zimbardo kritisieren, dass Männer in Filmen oft als Versager rüberkommen, die sich selbst zum Affen machen und außer Gewalt keine Lösungen für Probleme finden. Als ­Reaktion auf diese Einschätzung entwickelten sie den MacGyver-Test. Benannt nach dem beliebtem Action-Held der 80er und 90er, soll der Test auf klischeehafte Männerbilder aufmerksam machen. Ein Film hat den MacGyver-Test bestanden, wenn:

  • er einen Mann unabhängig von der Rolle der Mutter als kompetenten Vater zeigt
  • ein Mann ehrlich arbeitet, erfolgreich und dabei nicht unglücklich ist
  • die Hauptdarstellerin Interesse am Hauptdarsteller hat, bevor dieser ein Held ist
  • der Protagonist Gewalt als allerletzten Ausweg nützt und Probleme kreativ löst.

Um zu "bestehen", muss ein Film lediglich einen dieser vier Punkte erfüllen. Dennoch fallen die meisten Filme durch.

Vorbild Tatort-Kommissar

Wahr ist auch: Im deutschsprachigen Raum findet langsam ein Umdenken statt, weg vom allzu eindimensionalen Männerbild. Am auffälligsten ist die Veränderung beim ­Publikumsliebling Tatort. Am Sonntagabend halten heute nicht mehr nur einsame Wölfe mit der emotionalen Bandbreite eines Stückes Holz in unseren Wohnzimmern Einzug. Mannsein bedeutet heute nicht mehr, keine Gefühle zeigen zu dürfen. Wurden früher die Beziehungsprobleme eines Kommissars thematisiert, hatte das einen wohlkalkulierten Grund: um die Banalität des Privaten und den Ernst des Berufs zu unterstreichen. Heute dürfen Tatort-Kommissare auch Gefühle wie Zweifel, Scham und Angst empfinden. "Generell wird ein Tatort ohne jede Bezugnahme auf persönliche Probleme des männ­lichen Protagonisten als langweiliger Krimi von der Stange wahrgenommen", schreibt Psychologe Björn ­Süfke in "Männer. Erfindet. Euch. Neu". Auch der erste schwule Kommissar hat mittlerweile seinen Platz im Tatort-Universum gefunden.

Kampfzone Männlichkeit

Kein Wunder, dass in Männermagazinen, Talkshows und Filmen, aber auch auf den Bühnen unseres Landes ständig die Frage auftaucht: Wann ist ein Mann ein Mann? Eine Antwort sucht etwa das bernhard.ensemble in der Produktion "Liliom.Club" (ab 9. 10. im Off Theater Wien). Im Stück treffen sich Männer aus allen Schichten in Fight Clubs im Wiener Prater, um sich zu prügeln – und sich endlich als richtiger Mann zu spüren. Sich als "starken Mann" beweisen zu wollen, scheint nach wie vor tief verankert zu sein. Auch Regisseur Ernst Weigel sieht noch immer eine versteckte Sehnsucht "nach dummem, männlichen Testosterongepolter". Diese habe er selbst bei den "verständnisvollsten, weichsten und zärtlichsten Männern" vorgefunden.

Der Mann von heute

Darum geht es auch Theatermacher Martin Gruber, der im Herbst mit dem aktionstheater ensemble "Die wunderbare Zerstörung des Mannes" (ab 15. 11. in Wien im WerkX, ab 4. Dezember am Spielboden in Dornbirn) wieder aufnimmt. Sechs Darsteller bieten Einblick in ihre Selbstwahrnehmung als Mann. Die Erektion im Schwimmbad ist dabei genauso Thema wie Bindungsängste, Vaterrollen und Identitätskrise. Auch hier wird schnell klar: Das eine Rollenbild gibt es nicht mehr. "Der Kampf um die Männlichkeit bedeutet für mich als heu­tiger Mann, ein völlig neues Rollenbild von mir selbst zu entwerfen", sagt Weigel. "Persönlich habe ich das so erlebt, dass der Unterschied zwischen den Menschen größer ist, als zwischen den Geschlechtern", betont Gruber. "So viele Männer es gibt, so viele 'Männlichkeits-­Bilder' gibt es."