„Silent Dating“, ein Dating-Konzept, bei dem nicht geredet werden darf. Foto: grinvalds/iStock/Thinkstock

Den Mann fürs Leben finden, aber dabei stumm bleiben? Klingt sehr nach dem Disney-Film „Arielle“, ist aber ein neues Dating-Konzept aus England. Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach: Ein Moderator begleitet durch den Abend und niemand außer ihm darf reden. So weit, so gut.

Erster Eindruck: oje!

Mit meinem guten Freund Amir im Schlepptau, den ich zu dem Versuch genötigt habe, betrete ich den Veranstaltungsraum der Wiener Bar Wirr. Wir tauschen für diesen Abend unsere Namen gegen Nummern ein, die wir an unserer Kleidung anbringen. In dem stickigen, dunklen Raum haben sich schon einige Singles versammelt – wir steuern die Bar an und brauchen erstmal ein Bier. Wir schauen uns im Raum um und scannen die Singles. Der erste Eindruck: Oje! Obwohl die Gruppe für diesen Abend laut Veranstaltern „Leute in ihren Zwanzigern und Dreißigern“ sein soll, sehe ich viele verklemmte Enddreißiger herumstehen. So gar nicht mein Beuteschema. Auch Amir ist etwas enttäuscht von der Auswahl, er hat offenere Frauen erwartet. Nach einer halben Stunde „Ankommen und Versammeln“ werden wir von den Veranstaltern „Slow Dating“ und dem Moderator Adam begrüßt. Adam ist extra für das Event aus England nach Wien gekommen und beginnt den Abend mit ein- fachen Auflockerungsübungen, wie wir sie von Teambuilding-Events kennen. Zu instrumentaler Musik bewegen sich die Teilnehmer durch den Raum und begrüßen einander mit Lächeln und einem freundlichem Handschlag.

Ran an den Mann

Schon in einer der ersten Übungen geht es so richtig zur Sache: Wir sollen uns einen Partner suchen und uns dann ganze zwei Minuten lang ins Gesicht schauen. Adam gibt uns den Hinweis, dabei nicht nur in die Augen zu sehen, sondern die Augenbrauen, die Nase, die Wangen und die Lippen ganz genau zu studieren. Amirs Fazit: „Eine simple Übung und trotzdem fühlt man sich irgendwie nackt, weil kein Bullshit dazwischen ist.“ Die fesche Nummer 23, die ich mir für diese Übung geangelt habe, hat schöne Augen und ein liebes Lächeln. Wir kommen uns aber beide ziemlich blöd vor und müssen immer wieder lachen. Auch Amir konnte im Laufe des Abends nicht immer ernst bleiben: „Bei diesem Event wird man auf jeden Fall lockerer. Die Leute, die verbissen nach einem Partner gesucht haben, sind mit der Zeit langsam auf- getaut.“ Ein bisschen verklemmte Leute, die das Event eine Spur zu ernst genommen haben, gab es reichlich. Ein Typ ist mir persönlich sofort unangenehm aufgefallen: Er hat das Konzept ausgenutzt und ständig nach Körperkontakt gesucht.

Den Spieß umdrehen

Spätestens bei der letzten Übung konnte er aber nicht mehr viel grapschen, denn dann waren die Frauen dran. Jede Frau suchte sich einen Mann, hat ihm die Augen verbunden und im Raum platziert. Nun durften wir uns frei bewegen, jeden Mann ganz genau inspizieren und leicht die Arme streicheln, den Nacken kraulen oder ein Bussi auf die Wange geben. Natürlich nicht ohne vorher durch Handauflegen nach Zustimmung zu fragen. Für die Männer eine interessante Erfahrung laut Amir: „Ich konnte die andere Person nur am Geruch, an der Berührung und der Energie erkennen. Die Augen sind zu, aber dafür sind die anderen Sinne geschärft. Das war schon heftig.“ Am Ende des Abends wurden Zettel ausgeteilt und jede Zahl, also Person, bekam ein „Ja“ oder „Nein“.

It's a match!

Schon zwei Tage später, nämlich an einem Montag, bekam ich ein E-Mail mit den E-Mailadressen meiner Matches. Von den vier Männern, bei denen ich „Ja“ angekreuzt habe, haben auch zwei bei mir „Ja“ angekreuzt. Also zwei Matches und jetzt die Aufgabe Kontakt aufzunehmen. Nach einer kurzen Facebook-Recherche erkannte ich beide wieder und antwortete auf ihre Mails. Mit dem sympathischen Thomas, mit dem ich zwar keine Übung gemacht, aber den ich immer aus den Augenwinkeln beobachtet habe, entwickelte sich gleich eine Konversation. Noch in der selben Woche trafen wir uns spontan zu einem Date. Das erste Gesprächsthema: der Silent-Dating-Abend und unsere Eindrücke davon. Thomas war sehr angetan von der Idee, einen Abend lang wortlos zu kommunizieren: „Ich war von dem Konzept begeistert und wollte mal was Neues ausprobieren. Außerdem fand ich es erfrischend, dass man sich nicht dieselben langweiligen Kennenlern-Fragen stellen konnte wie: Was machst du beruflich? Wie alt bist du? Woher kommst du?“ Das kann ich nur bestätigen, denn rein vom äußeren Erscheinungsbild hätte ich den General Director eines Wiener Startups für einen Lehrer gehalten.

Unser Fazit: Wenn man nicht der große Fan von Clubs oder Bars ist und die Nase voll von Online-Dating oder oberflächlichen Gesprächen hat, ist Silent Dating einen Versuch wert!  

Silent Dating Wien Sarah Müller
Redakteurin Sarah Müller wird für einen Abend zur „Nummer 3“ und darf nicht reden - aber soll flirten! Foto: Sarah Müller

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