Rund 20 Prozent der Unfälle passieren beim Sport Foto: ikick/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Jährlich verletzen sich mehr als 200.000 ­ÖsterreicherInnen durch Sportunfälle. "Unfälle werden in Österreich generell gerne unterschätzt", erklärt Prim. Univ.-Prof. Dr. Mehdi Mousavi, Vorstand der Unfallchirurgie und Sporttraumatologie im SMZ Ost Wien. Dabei sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: Allein bei Unfällen im Sport- und Freizeitbereich gab es im letzten Jahrzehnt einen Anstieg von 15 Prozent. "Das Bewusstsein für die Größenordnung dieses Gesundheitsrisikos und die gezielte Unfallprävention sind in Zukunft deshalb besonders gefordert", sagt der Mediziner.

Rundes Leder

Unterschätzt wird nicht nur die Häufigkeit von Unfällen, sondern auch deren Ursachen. Vermeintlich harmlose Ballsportarten, stellen sich als enormes Gefahrenpotenzial heraus. Besonders gefährlich leben demnach Kicker, so die jüngsten Statistiken des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV). 32 Prozent aller Sportunfälle passieren beim Fußballspielen. Der Kampf um das runde Leder hat den Alpinsport damit als Nummer-eins-Unfall-Sportart abgelöst. 2017 mussten sich fast 47.000 Hobby- und Vereinsspieler im Spital behandeln lassen. Bedenklich: In den letzten drei Jahren stieg diese Zahl um fast ein Viertel. Am häufigsten sind naturgemäß Verletzungen des Bewegungsapparats: Muskel-, Bänder- und Sehnenverletzungen führen vor Knochenbrüchen und Prellungen. Über alle Sportarten hinweg betrachtet sind Prellungen und Verstauchungen die häufigste Verletzungsform, gefolgt von Knochenbrüchen und Verrenkungen.

Unfallvehikel E-Bike

Nicht nur Klassiker tragen zur steigenden Unfallbilanz bei. Die Technologisierung macht auch hier nicht halt, Stichwort E-Bike. Mit dem Trend zum motorisierten Mountainbike vergrößert sich die Zielgruppe nochmals. Auch ungeübtere Radfahrer, Familien und Personen mit schwächerer Kondition haben damit die Möglichkeit, über Stock und Stein zu brausen. Jeder zehnte Mountainbike-Unfall passiert mittlerweile mit einem E-Bike. "Erste Verletzungsanalysen zeigen, dass sich E-Mountainbiker im Schnitt schwerer verletzen als unmotorisierte Mountainbiker", sagt Dr. Armin Kaltenegger, Leiter des Bereichs Recht und Normen im KFV. Kein Wunder: Ein ungebremster Aufprall mit der Maximalgeschwindigkeit von 25 km/h gleicht einem Sturz aus 2,5 Meter Höhe. Die häufigsten Unfallursachen: Fehleinschätzung, Selbstüberschätzung, mangelnde Technik und Überforderung. "Vor der ersten Ausfahrt empfiehlt sich ein Fahrtechniktraining", rät der ehemalige österreichische Radprofi Gerhard Zadrobilek im Rahmen eines KFV-E-Mountainbikeworkshops. Das gilt übrigens für alle Sportarten: Vorbereitung ist die halbe Miete.

Wanderfrust

Auch zu Fuß zieht es Bewegungsafficionados im Sommer vermehrt in die Berge. Und auch hier ist mangelhafte Ausrüstung in den seltensten Fällen die Unfallursache. Meist sind es banale Gründe wie Übermüdung, Erschöpfung und Überforderung, die zu Verletzungen führen.

Finanzielle Folgen

Unterschätzt werden oft die finanziellen Folgen von Freizeit­unfällen. Bergungskosten, etwa nach einem Ski- oder Wanderunfall, werden vom Staat nicht übernommen. Und die können ganz schön ins Geld gehen: Auf bis zu 3.500 Euro kommt eine Bergung per Hubschrauber. Auch Kosten für Folgebehandlungen bei bleibenden Schäden nach einem Unfall, der sich nicht in der Arbeit ereignet hat, werden nicht von der gesetzlichen Krankenversicherung gedeckt. Nicht nur bei der Vorbereitung zum Sport, sondern auch bei der Versicherung gilt deshalb: Vorsorge ist besser als Nachsorge.

Schwachstelle Knie

  • Zu den häufigsten Knieproblemen zählen Meniskusverletzungen. Ein Meniskusriss ist schmerzhaft, lässt sich aber unkompliziert operieren. Platz zwei nehmen Seiten- und Kreuzbandrisse ein.
  • Problematisch sind Knorpelverletzungen. Selten lässt sich der Ursprungszustand wiederherstellen.
  • Besondere Härteprobe für Gelenk und Bänder: Sportarten mit schnellen Stop-and-go-Bewegungen wie Fußball oder Tennis.
  • Auch auf übermäßige Laufbeanspruchungen kann das Knie empfindlich reagieren. Beim sogenannten Läuferknie reibt die Sehnenplatte am Kniekopf. Im schlimmsten Fall führt das zu Entzündungen.

Unglaubliche Zahlen

  • Kicker leben gefährlich. 49.600 Menschen mussten nach einer Fußballverletzung im Krankenhaus behandelt werden.
  • Rund 20 Prozent aller Unfälle passieren beim Sport.
  • 32 Prozent aller Sportunfälle geschehen beim Fußballspielen.
  • Die häufigsten Verletzungen sind mit 35,5 Prozent Prellungen und Stauchungen.
  • Das größte Verletzungsrisiko haben Jugendliche zwischenzehn und vierzehn Jahren.
  • Täglich sterben 5 Österreicher bei Unfällen zu Hause, in der Freizeit oder beim Sport.

Short Talk

Dr. Ilona Schöppl Leiterin des Bereichs Haushalts-, Freizeit- und Sportsicherheit im KFV

Weekend: Wie groß ist die Gefahr beim Sport?

Dr. Schöppl: Unfälle zählen zu den höchsten Gesundheitsrisiken der österreichischen Bevölkerung. Neben Verkehrs- und Haushaltsunfällen ist der Sportbereich mit jährlich mehr als 200.000 Unfällen einer der größten Unfallbereiche.

Weekend: Ließen sich diese Verletzungen vermeiden? Wenn ja – wie?

Dr. Schöppl: Die meisten Unfälle passieren durch Selbstüberschätzung, Übermut, Ablenkung oder Unachtsamkeit – sie könnten daher im Grunde einfach und unkompliziert vermieden werden.

Weekend: Warum führt ausgerechnet Fußball die Liste der Sportarten mit den meisten Verletzungen an? Ist der Kampf ums runde Leder tatsächlich die gefährlichste Sportart?

Dr. Schöppl: Die Unfallzahlen beim Fußball sind unter anderem auf die große Anzahl der ausübenden Personen zurückzuführen. Um der hohen Zahl an Verletzungen beim Fußballspielen entgegenzutreten, haben das KFV und die österreichische Fußball-Bundesliga unter dem Hashtag #SicherFussball gemeinsam eine neue Videokampagne zur Prävention von Unfällen entwickelt. In kurzen Videoclips erhalten Interessierte einfache Tipps rund um die Themen Stabilisa­tion, Laufen und Koordination, Fair Play und Regeneration. Zu finden sind die Kurzclips auf der Homepage des KFV sowie auf den Plattformen der Bundesliga und deren Klubs.