Millionen Menschen verreisen Jahr für Jahr - nicht immer zur Freude der Gastorte Foto: Digital Vision/iStock/Thinkstock

Im Jahr 2010 waren es noch 3.440 Touristenbusse, im Vorjahr bereits 16.495. Tendenz weiter steigend. So die nicht gerade rosigen Aussichten, die die Hallstätter gerade in den Sommermonaten verzweifeln lassen. Bis zu 7.500 Gäste pro Tag stürmen die ­kleine Marktgemeinde am Hallstätter See – die Einwohner wissen sich inzwischen kaum noch zu helfen.

Im Stundentakt

"Es sind nicht Tagestouristen, sondern Stundentouristen, die in Hallstatt geradezu einfallen. Einmal schnell durchschieben, Fotos machen und wieder weg. Denn die Besucherzahlen des Museums oder des ältesten Salzbergwerks der Welt sind sogar rückläufig", berichtet Friedrich Idam von der ­Liste "Bürger für Hallstatt". Die Lage ist prekär: Jedes Jahr nimmt die Zahl der Reisebusse um 20 bis 30 Prozent zu – auch diesen Sommer.

Ungebremste Massen

Hallstatt mag ein Extrem­beispiel sein. Doch auch viele Salzburger meiden vor allem im Sommer die Innenstadt. Und Dürnstein in der Wachau will die Notbremse ziehen. Damit ist man in bester Gesellschaft, denn auch international macht das Phänomen "Overtourism" Schule: Mit gut 54.000 Einwohnern zählt Venedig jährlich 28 Millionen Besucher. Dubrovnik zählt allein 800.000 Kreuzfahrtschiff-­Besucher – bei 42.000 Einwohnern. Santorin zählte im Vorjahr zwei Millionen Besucher, das Taj Mahal sogar acht Millionen.

Abschreckend

Während viele Destinationen also mit großem Eifer um Gäste buhlen, kämpfen andere darum, von den Massen nicht überrollt zu werden. Mit kuriosen Blüten. Der TV-Sender CNN und das amerikanische Reiseportal Fodor’s Travel haben heuer eine Liste mit Städten herausgegeben, vor deren Besuch Touristen gewarnt werden. Die Massen würden die Ziele unattraktiv machen. Statista hat zudem basierend auf Zahlen der World Tourism Organization (UNWTO) 500 europäische Städte untersucht, im Hinblick auf Bettenangebot pro Quadratkilometer und die Zahl der Touristen während der Hauptreisezeit im Vergleich zur Anzahl der Einwohner – inklusive Bürgerumfragen in den jeweiligen ­Städten.

Proteste häufen sich

Während für Touristen bei Overtourism das Erlebnis leidet, haben die Einheimischen ein noch viel größeres Problem damit – immerhin können sie nicht einfach abreisen, sondern müssen sich mit den Massen arrangieren. Steigende Mieten, Lärm und Müll inklusive. Und das Gefühl, nur noch Statist in einer touristischen Kulisse zu sein. Vielerorts wird dies nicht mehr hin genommen. In Venedig traten 18.000 Bürger der Initiative „nograndinavi“ bei, die sich gegen das Anlegen großer Kreuzfahrtschiffe einsetzt. In Barcelona häufen sich touristenfeindliche Graffiti. Im Vorjahr stellten sich vier Vermummte einem Touristenbus in den Weg und besprühten die Windschutzscheibe mit Parolen wie „Der Tourismus tötet die Stadtviertel“. Meist erfolgen die Proteste aber friedlich – sollten allerdings durchaus ernst genommen werden, denn das kann sogar politische Ämter kosten: In Barcelona wählten die Menschen 2015 auch deshalb eine ehemalige Linksaktivistin als Bürgermeisterin, weil diese versprochen hatte, endlich ­gegen die Auswüchse des Massentourismus vorzu­gehen. Konkret genehmigt Barcelona nun keine neuen Hotels mehr, Paris hat Wohnungsvermittler wie Airbnb stark reguliert. Palma de Mallorca verbietet sogar die Vermietung über diese Plattformen. Und Amsterdam geht besonders rigoros vor: keine neuen Hotels, keine Busse und Kreuzfahrtschiffe in der Innenstadt, keine ­Genehmigung für weitere Souvenirläden und spezielle Ordnungshüter, die Strafen für Randalieren, Singen oder Pinkeln per Kartenlesegerät sofort einziehen.

Wachau: Touristensteuer

Auch Dürnstein kämpft mit dem Phänomen: Nicht einmal mehr 1.000 Menschen leben dort – oft sind aber bis zu zehn Schiffe und sechs Busse gleichzeitig im Ort. Dann drängeln sich mehrere 1.000 Menschen durch die engen Gassen. Gegen diesen Andrang in den Wachauer Gemeinden hatte der kürzlich zurückgetretene Melker Bürgermeister Thomas ­Widrich eine Art Eintrittsgebühr vorgeschlagen. Immerhin zahlen die rund eine Million Tages­gäste pro Jahr keine Ortstaxe. Tourismus-Landesrätin Petra Bohuslav erteilte der Abgabe jedoch eine Absage – für nächstes Jahr soll aber ein Konzept erarbeitet werden. Für Idam geht diese Idee übrigens nicht weit genug: "50 Cent pro ­Besucher ist zu wenig, es müssten schon rund zehn Euro sein, um einen Steuerungseffekt zu haben." Für Hallstatt könnte er sich Kapazitätsbeschränkungen wie in Schönbrunn vorstellen: "Die freien Kapazitäten könnte man online vergeben." Parallel dazu sei auch ein höherer Preis für die Busparkplätze, vergleichbar mit Italien, denkbar: Für die Mehrkosten könnte ein kulturelles Angebot inkludiert sein. "Das benötigt allerdings Zeit – und könnte ebenfalls dazu führen, dass die Gäste mehr Zeit qualitätsvoller im Ort verbringen. Wir wollen ja schließlich nicht die Touristen verjagen, die sich tatsächlich für den Ort interessieren."

Europas überlaufendste Metropolen

  1. Barcelona
  2. Amsterdam
  3. Venedig
  4. Mailand
  5. Budapest

Short Talk

Friedrich Idam, Bürgerliste "Bürger für Hallstatt"

Warum wird Hallstatt so massiv von Touristen überschwemmt?

Es ist fast ein Fluch, auf der UNESCO Weltkulturerbe-Liste zu stehen. Wenn die Asiaten innerhalb kürzester Zeit Europa bereisen, dann sind die Weltkulturerbe-Stätten der ­Parameter anhand dessen sie die Reise planen. In der Hallstatt-Kopie in China wird zudem eine Fernsehserie gedreht, die sehr populär ist. Es gibt dort eine Hochzeitsszene – die offensichtlich auch Anstoß dafür ist, dass sich viele Brautpaare hier fotografieren lassen wollen.

Sind Maßnahmen geplant?

Die Gemeinde arbeitet derzeit intensiv an einem Verkehrskonzept, in das die Bürger stark eingebunden sind. Es sieht nach einem Schulterschluss der Bürger und der Hotellerie aus. Ende des ­Jahres soll das Konzept stehen.

Inwieweit hat die Berichterstattung Einfluss auf die Situation?

Der Ansturm wird gefühlt sogar noch stärker – weil nun auch die Österreicher vermehrt kommen, um sich selbst davon zu überzeugen, ob wirklich so viele Asiaten hier in Hallstatt unterwegs sind. Die Ironie ist übrigens: Normale Läden sind aus dem Ort ­verschwunden, dafür gibt es jede Menge Souvenirläden – in denen Asiaten dann Andenken „made in China“ kaufen und wieder nach Hause reimportieren.