Das Haustier als Lifestyle-Objekt Foto: Deagreez/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Hat Nico Hunger, bekommt er frisch gekochte Erbsen mit Karotte und Petersilie. Ist er müde, schläft er in Lauras Bett. Geht es Laura schlecht, ist er für sie da. Nico ist Lauras bester Freund, Kinder- und Partnerersatz – und ein Hund. Wie Laura tendiert ein Drittel der Hundebesitzer dazu, ihren Vierbeiner mehr als Mensch denn Tier zu behandeln.

Premiumprodukte

Dafür darf das entsprechende Verwöhnprogramm nicht fehlen. Spotify bietet seit Anfang des Jahres eigene Playlists für Heimtiere. Schönheitssalons, Aura-Therapien und Ernährungsberater: Täglich wächst das Angebot an Luxusdienstleistungen, Mode- und Gourmetprodukten. Allein in Österreich werden dafür jährlich rund 632 Millionen Euro ausgegeben, darunter auch Adventkalender.

Social-Media-Stars

Um diese Ausgaben wieder reinzubringen, setzen einige Halter auf Social Media. Immer mehr Haustiere haben einen eigenen Kanal. Sam, ein Kater aus New York, hat mittlerweile 185.000 Abonnenten auf Instagram und einen eigenen Onlineshop für T-Shirts, Taschen und Handyhüllen. Die als Meme (Internetspaß) bekannt gewordene Grumpy Cat hat nach ihrem Tod sogar eine eigene Wachsfigur bei Madame Tussauds bekommen – und ihre Besitzer zu Multimillionären gemacht. Erfolgreichster "Petfluencer" ist ­aktuell Zwergspitz Jiffpom. 8,8 Millionen Follower hat er allein auf Instagram, mehr als 24 Millionen, wenn man alle Plattformen zusammenzählt.

Zu viel des Guten

Dass man Vierbeinern mit übertriebener Aufmerksamkeit, Fürsorge und Vermenschlichung nichts Gutes tut, darüber sind sich Experten einig. "Das Problem ist, dass Besitzer damit gegen die Interessen und Bedürfnisse des Tieres handeln", erklärt Mieke Roscher, Historikerin und Professorin für Animal Studies im SZ-Interview. Ein Zuviel an Zuwendung kann Tiere genauso aus dem sind tendenziell etwas seltener von der Fixierung ihrer Besitzer betroffen. Wer sich für eine Katze entscheidet, ist meist von ihrer Unabhängigkeit und Selbstständigkeit fasziniert.

Tödliche Trends

Aber auch bei den Samtpfoten pochen immer mehr Besitzer auf menschliche Lifestyle-Trends. Ein potenzielles Todesurteil. Bei vegetarischer oder gar veganer Ernährung fehlen ihnen essenzielle Nährstoffe, die der Organismus für ein gesundes Funktionieren braucht. Letzte Konsequenz: Das qualvolle Zugrundegehen an Mangelernährung. Auch in der Zucht hat die Vermenschlichung grausame Folgen. Aktuell besonders gefragt: Kulleraugen, flache Nasen, runde Köpfe – Marke Mops. Das Ideal nach dem Kindchenschema geht auf Kosten der Gesundheit, Stichwort: Probleme mit der Atmung. Seit über 50 Jahren warnen Mediziner vor dieser Defektzucht. So auch Achim Gruber.

Kuscheltier-Drama

Der Tierpathologe kann bei der Obduktion Rückschlüsse ziehen, wie Vierbeiner gelebt, was sie gefressen und an welchen Krankheiten sie gelitten haben. 2011 hatte er auch Eisbärbaby Knut am Seziertisch. Nicht nur unser Umgang mit Zootieren stimmt den Tiermediziner nachdenklich. In "Das Kuscheltier-Drama" versucht er ihnen eine Stimme zu geben. "Wir machen unsere Haustiere zu Opfern", sagt Gruber. "Sie werden so vermenschlicht, dass wir ihnen ihre Natur nehmen." Besonders tragisch: Sie müssen leiden, obwohl sie doch geliebt werden. Tiere im Bett schlafen zu lassen hält Gruber prinzipiell für kein Problem, wenn sie geimpft und entwurmt sind – und es ihnen gefällt. Darin sieht er den springenden Punkt: in der erdrückenden Liebe zu den Vierbeinern. Vielen Besitzern würde die Fähigkeit fehlen, die Bedürfnisse ihrer Mitbewohner wahrzunehmen. "Wir müssen lernen, uns in die Tiere hineinzuversetzen."