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Schildern Sie kurz, wo und wie die Caritas in dieser Situation gefordert ist.
Herbert Beiglböck: Die Caritas ist gewohnt da zu sein, wo Menschen verletzlich sind. Das gilt momentan für die ganze Gesellschaft und viele unserer Dienste sind gerade jetzt unverzichtbar. Die Pflege etwa ist eine Säule des Gesundheitswesens. Die Nothilfe dient dieser Tage der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Wir stehen aber auch in dem Spannungsfeld, gleichzeitig die MitarbeiterInnen und die KlientInnen zu schützen

Wie stark kann sich die Caritas in der Coronakrise engagieren?
Herbert Beiglböck: Was kann sie tun? Wir können einiges: die Nothilfe aufrechterhalten, Verpflegung sichern, Beratung anbieten, um bei materieller Not oder psychischen Belastungen zu helfen, Netzwerke aktivieren, Nachbarschaftshilfe anregen. Das tun wir österreichweit in der Initiative „TeamNächstenliebe“. Und wir können Beistand geben.

Werden Sie Spendengelder jetzt anders einsetzen?
Herbert Beiglböck: Spendengelder setzen wir immer so ein, wie es dem Wunsch der SpenderInnen entspricht. Aber gerade in dieser Situation sind Einrichtungen ganz zentral, für die wir zweckgewidmete Spenden erhalten: die Beratungsstelle zur Existenzsicherung, das Marienstüberl, die Notschlafstellen. Freie Spenden können in neue Dienste fließen.

Wie spendenfreudig sind die Steirer in der jetzigen Situation?
Herbert Beiglböck: Wie viel Prozent mehr oder weniger wird gespendet? Das zu beurteilen ist noch zu früh, aber gut spürbar ist eine hohe Bereitschaft zum aktiven Helfen. Ein solidarischer Grundgeist ist erlebbar und dafür müssen wir alle dankbar sein.

Die Caritas ist ja auch und vor allem für Menschen da, die keine Wohnung haben, obdachlos sind. Wie schwierig ist es, diesen Menschen jetzt zu helfen?
Herbert Beiglböck: Das ist eine große Herausforderung, denn Rückzug und Isolation ist ja für wohnungslose Menschen nicht möglich. Sie tun sich auch schwer, Vorräte anzulegen. Die Prämisse, dass Abstand zu halten ist, ist in einer voll ausgelasteten Notschlafstelle mit Mehrbettzimmern nur schwer bis gar nicht umsetzbar. Hinzu kommt, dass viele weiterführende Unterbringungs- und Wohnformen, in welche Nächtigungsgäste der Notschlafstellen vermittelt werden könnten, jetzt nicht zur Verfügung stehen: Privatwohnungen sind derzeit gar nicht zu bekommen. Wir müssen die Notschlafstellen den ganzen Tag über geöffnet halten; die Menschen sind gezwungen, ihren Tagesablauf auf sehr engem Raum zu gestalten. Auch für die MitarbeiterInnen ist es eine herausfordernde Situation, mit vielen Nächtigungsgästen beengt zusammen zu sein. Und natürlich verspüren auch wohnungslose Menschen Angst und Unbehagen. Sie reagieren unterschiedlich auf die neue Situation.

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Foto: Christian Jungwirth

Sie betreuen auch psychisch kranke Menschen. Merkt man durch die Corona Krise einen Anstieg bei diesen Krankheiten?
Herbert Beiglböck: Unsere ExpertInnen vermuten eher, dass es den Effekt geben kann, der auch aus Kriegszeiten bekannt ist: Menschen, die an Neurosen leiden, erleben etwas „Wichtigeres“, das alle betrifft, eine allgemeine Krise, die das Persönliche überlagert und einordnet; und können so „normaler“, also rationaler, werden. Zu vermuten ist aber, dass vieles erst später aufkommt: Trauerreaktionen aufgrund von Todesfällen, Probleme nach dem wirtschaftlichen Einbruch, infolge Konkurs, Arbeitsplatzverlust oder Überarbeitung.

Was raten Sie Menschen, die Angst haben, dass sie an Corona erkranken könnten? Wie soll man mit der Angst umgehen?
Herbert Beiglböck: Aus der Caritasarbeit wissen wir vielfach, dass Menschen in Krisensituationen zum einen Sicherheit brauchen und zum anderen andere Menschen, mit denen sie im Gespräch sind. Sicherheit können wir nur bedingt versprechen, aber auch hier gilt, dass alle Menschen versorgt werden, wir ein gut funktionierendes Gesundheitssystem haben und die Krankheit gute Heilungschancen hat. Wichtig aber ist, trotz aller Einschränkungen, Kontakt zu halten, per Telefon oder soziale Medien. Wenn niemand da ist, kann man bei der Caritas oder der Telefonseelsorge anrufen.

Finden sich - Ihrer Erfahrung nach - gläubige Menschen leichter mit ihrem Schicksal ab?
Herbert Beiglböck: Das trau ich mich nicht zu beurteilen. Ich kann das nur für mich beantworten. Da hilft mir schon der Blick auf das Kreuz Jesu, sich immer wieder bewusst zu machen, dass unser Leben von Krankheiten, von Leid, von Schicksalsschlägen und Brüchen gekennzeichnet ist und dass diese Erfahrungen unvermeidbar sind. Entscheidend ist für mich die Hoffnung zu haben, dass jenseits des Kreuzes ein Gott mit uns unterwegs ist, der alles zum Guten fügt. Die eigentliche Osterbotschaft für mich ist: „Am Ende wird alles gut.“

Wird diese Krise dem Glauben neuen Auftrieb geben?
Herbert Beiglböck: Ob die Religionsgemeinschaften jetzt in der Lage sind, sichere Orientierung zu geben, werden wir erst sehen. Ziemlich sicher bin ich mir, dass zumindest eine Zeit lang eine Verschiebung der Werte in unserer Gesellschaft stattfindet und das Bewusstsein um die Grenzen unserer bisherigen Lebensgestaltung schon erkennbar sein wird.

Glauben Sie, dass wir nach der Krise unser Leben, unser Wirtschaftssystem und unseren Umgang miteinander nachhaltig verändern werden oder bleibt alles beim Alten?
Herbert Beiglböck: Einiges an unserem Wirtschaftssystem wird sich ändern, weil wir sehen, wie bedrohlich manche Abhängigkeiten sind. Die Vorstellung von der Berechenbarkeit und von der Beherrschbarkeit unseres Alltags ist vernichtet. Wir sehen andererseits, wie hilfreich Digitalisierung ist, wie Arbeitsplätze zu Hause funktionieren, da wird einiges bleiben, hoffentlich auch an verstärkter Solidarität. Wir haben aber bei der Finanzkrise erlebt, wie schnell wir als Gesellschaft vergessen und alte Fehler wiederholen.

Welche Probleme treten in der Pflege auf?
Herbert Beiglböck: Es ist schwierig, aber notwendig, Besuche einzuschränken, weil viele unserer BewohnerInnen das nicht verstehen können. Obendrein sind die Freiwilligendienste zur abwechslungsreichen Gestaltung des Alltags im Moment nicht möglich. Auch hier leben wir in einem Spannungsfeld, denn unter den MitarbeiterInnen sind viele Frauen mit Kindern, die Betreuungspflichten haben. Wir wissen um die Ansteckungsgefahr. Gleichzeitig gilt es auch, die Sorgen der Angehörigen aufzufangen.

In Griechenland sitzen nach wie vor viele Flüchtlinge fest. Hat man diese vergessen? Interessiert das noch jemanden?
Herbert Beiglböck: Das Virus zeigt uns, dass eine globalisierte Welt kaum Grenzen kennt. Wir müssen uns daher klar sein, dass wir auch Verantwortung umfassend wahrnehmen müssen. Das gilt für die Flüchtlingsfrage oder für das Klima. Zu glauben, man kann ein Problem alleine lösen, ohne das Ganze zu sehen, hieße, aus der Krise nicht umfassend zu lernen. Staatskunst zeichnet sich dadurch aus, das Ganze zu sehen und Lösungen zu finden, bei denen viele unterschiedliche Ziele gleichzeitig in möglichst guter Balance erreicht werden. Der Brand Anfang der Woche im Lager Moria hat viele Menschen aufgeschreckt. Wir halten unseren Spendenaufruf auch in der Aktion Nachbar in Not aufrecht. Die Internationale Gemeinschaft hat an Assad appelliert, die Militäraktionen einzustellen. Dies zeigt, dass das Thema doch noch im Fokus ist, aber zunächst scheint uns in der Akutsituation das Hemd näher als der Rock. In dem Maß, wie der Ausnahmezustand zur Normalität wird, werden die Menschen auch wieder stärker diese Themen wahrnehmen